Literaturhinweis – Laura M. Fabrycky

Laura M. Fabrycky, US-Amerikanerin, hat während der Dienstzeit ihres Manns in der US-Botschaft in Berlin mit Ihrer Familie in dieser Stadt gelebt und hat sich mit diesem Land vertraut gemacht. Im Bonhoeffer-Haus, diesem ganz besonderen historischen Lernort, hat sie sich auf Spurensuche begeben. Als Mitglied des Teams im Bonhoeffer-Hauses hat sie zwei Jahre lang Besuchende in englischer Sprache durch das Haus der Familie Bonhoeffer  begleitet. Sie kam von außen und berichtet von innen. Das Buch ist eine Erkundungsreise, die beim Lesen interessante Zugänge zum Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers in seinem historischen Kontext und in seiner aktuellen Bedeutung erschließt.

 

Laura M. Fabrycky

Schlüssel zu Bonhoeffers Haus

Wie ich Welt und Weg Dietrich Bonhoeffers entdeckte

Gütersloher Verlagshaus / Penguinrandomhouse, Gütersloh/München, 2021

https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Schluessel-zu-Bonhoeffers-Haus/Laura-M-Fabrycky/Guetersloher-Verlagshaus/e579707.rhd

https://laurafabrycky.com/

Video-Präsentation einer Führung

Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus e.V.
Marienburger Allee 43
14055 Berlin
Gottfried Brezger, Pfarrer i.R.
Vorsitzender

1. Ich stehe hier vor dem Haus der Familie Bonhoeffer. Karl Bonhoeffer, einer der bekanntesten Psychiater und Neurologen seiner Zeit, und seine Frau Paula haben sich dieses Haus als Alterssitz bauen lassen. Als sie 1935 einzogen, war Karl 68 Jahre alt, doch er praktizierte noch weiter. Das geschah im Erdgeschoss, wo er auch seine Bibliothek hatte. Dietrich Bonhoeffer und seine sieben Geschwister sind nicht hier aufgewachsen, sondern in einer alten Villa im Bezirk Grunewald. Dietrich, der einzige noch nicht Verheiratete in der Familie, war 29 Jahre, als er mit seinen Eltern in das neue Haus einzog. Unter dem Dach, wo die beiden Fenster sind, hatte er sein Studierzimmer.

2. In seinem Elternhaus schrieb Dietrich Bonhoeffer an seiner ‚Ethik‘ und traf sich mit Gegnern des Nationalsozialismus. In der Stadt der „Topographie des Terrors“ war dieses Haus eine „Topographie des Widerstands“. Am 5. April 1943 wurde Dietrich Bonhoeffer hier verhaftet. Wir gehen nun durch das Gartentor zum Eingang des Hauses.

3. Karl und Paula Bonhoeffer haben zwei Söhne und zwei Schwiegersöhne im Widerstand verloren: Klaus und Dietrich, Rüdiger Schleicher, verheiratet mit Ursula Bonhoeffer, der mit seiner Familie im Nebenhaus wohnte, und Hans von Dohnanyi, verheiratet mit Christine Bonhoeffer. An sie erinnert die Gedenktafel am Eingang des Hauses.

4. Nach dem Tod der Eltern Karl 1948 und Paula 1951 hat die Familie das Haus an die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg verkauft. Das Haus wurde zum Zentrum der Gemeinde der Studierenden an den Hochschulen im Westen der Stadt. Eberhard Bethge, Dietrichs Freund und Biograph, zog als der erste Studentenpfarrer mit seiner Familie ein. Renate Bethge, geborene Schleicher, eine Nichte Dietrich Bonhoeffers, war im Nachbarhaus aufgewachsen. Später wurde das Haus ein Studentenwohnheim im kirchlichen Besitz und dabei blieb es 30 Jahre lang. Eine ganze Generation lang war die Erinnerung an den Widerstand – auch gesellschaftlich – in den Hintergrund gedrängt. 1987 war es dann so weit, dass in diesem Haus der Kirche die „Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus“ eröffnet wurde, nicht als ein Museum, sondern als ein historischer Lernort, der an außergewöhnliche Männer und Frauen erinnert. Die Ausstellung im Erdgeschoss zum Leben Dietrich Bonhoeffers und sein restauriertes Studierzimmer helfen bei der Spurensuche.

5. Besuchende von nah und fern kommen hierher. Dietrich Bonhoeffer ist weltweit bekannt als Pfarrer und theologischer Lehrer der ‚Bekennenden Kirche‘, ökumenischer Mahner zum Frieden und Autor bewegender Briefe und Gedichte aus dem Gefängnis. „Beten und das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten“ bedeutete für ihn, im Glauben den Weg des politischen Widerstands zu gehen bis in den Tod. Sein Denken und Handeln fordert auch uns heute in konkreten kirchlichen, ethischen und politischen Konflikten heraus zu der in Christus begründeten Verantwortung für den Andern in der ‚mündigen Welt‘.

6. Mein Name ist Gottfried Brezger. Ich war 32 Jahre lang Gemeindepfarrer in Berlin und bin nun schon einige Jahre im Ruhestand. Seit 1998 leite ich die Arbeit in diesem Haus. Wir sind ein Team von z. Zt. sechs Ehrenamtlichen, die Einzelne und Gruppen zur Information und zum Gespräch einladen und durch das Haus führen.

7. Ihre Anfrage bzw. Anmeldung erbitten wir auf unserer Website:
https://www.bonhoeffer-haus-berlin.de
Regelmäßig haben wir geöffnet am Samstag von 10-12 Uhr. Zusätzlich können Besuchstermine in der Woche vereinbart werden.

Herzlich willkommen!

Dr. Wojciech Szczerba, Dr. Marek Kucharski und Dr. Piotr Lorek zu Gast im Bonhoeffer Haus Berlin

Bonhoeffer-Haus, 26. Mai 2021. Dr. Wojciech Szczerba, Dr. Marek Kucharski und Dr. Piotr Lorek, Professoren der „Evangelical School of Theology“, EWST, Wroclaw, beim Gespräch mit den Mitgliedern der Begleitgruppe im Bonhoeffer-Haus Martina Dethloff, Ingrid Portmann, Gottfried Brezger (Foto).

 

Die Besucher aus Wroclaw sind nach Berlin gekommen, um im Rahmen des ERASMUS-Programms Kooperationsmöglichkeiten mit der Evangelischen Akademie zu Berlin und auch mit dem Bonhoeffer-Haus zu erkunden. Dabei knüpfen sie an die Begegnung mit Mitgliedern der Begleitgruppe des Bonhoeffer- Hauses bei deren Studienreise nach Wroclaw vom 26.-29. September 2019 an.

 

Die EWST Breslau ist eine international vernetzte (z. B. mit der methodistischen Duke University in North Carolina / USA) Interkonfessionelle, Interreligiöse (Interfaith) Theologische Hochschule, mit besonderen Bezügen zur Lutherischen, Römisch-Katholischen und zu Pentecostalen Kirchen. Sie ist offen für die Herausforderungen für Theologie, Kirche und Leben im säkularen Kontext in der gegenseitigen Achtung anderer Überzeugungen.

 

Aktuelle Anknüpfungspunkte an Dietrich Bonhoeffers Leben und Werk in Polen:

  • Umgang der Kirche mit ihrer Schuld: Verwicklung in staatliche Machtstrukturen im kommunistischen Staat (Kollaboration) und die Politik der PIS-Partei

(Dietrich Bonhoeffer, Ethik-Manuskript „Schuld, Rechtfertigung, Erneuerung“)

  • Kirchliches Versagen gegenüber sexuellen Missbrauchsvorwürfen
  • Verschärfung des Gegensatzes zwischen einer reichen Kirche und Armut in der Bevölkerung in Polen
  • Säkularisierungsschub und Verlust kirchlicher Bindungen, insbesondere bei Jüngeren

Gedenken zum 76. Todestag Bonhoeffers

Gedenktafel Flossenbürg
Gedenktafel Flossenbürg

Am 9. April 1945 wurden Hans von Dohnanyi in Sachsenhausen und Dietrich Bonhoeffer mit den Mitverschwörern aus dem Oberkommando der Wehrmacht in Flossenbürg ermordet.

Leider können wir auch an diesem Tag, wie schon im vergangenen Jahr, wegen der Pandemie das Bonhoeffer-Haus nicht für Besuche öffnen.

Mit den Gedanken von Dietrich Bonhoeffer können wir aber im Gedenken an ihn und die andern, die ihr Leben für das „Weiterleben einer kommenden Generation“ eingesetzt haben, verbunden bleiben.

Einige Glaubenssätze über das Walten Gottes in der Geschichte

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.   Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten, Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Dietrich Bonhoeffer, Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943 – Nach zehn Jahren (für Eberhard Bethge, Hans v. Dohnanyi und Hans Oster), in: Widerstand und Ergebung, Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 8, 30f., Christian Kaiser / Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998

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Gottfried Brezger, Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus

Todesanzeige mit Würdigung des Pfarrerehepaars Löhr

Mein Wort wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun,
was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.
Jesaja 55,11, Losung am Unglückstag, 2. Februar 2021
Wir trauern um
Mechthild, Pfarrerin i.R. und Dr. Christian Löhr, Pfarrer i.R.
Stellvertretender Vorsitzender im Vorstand der Internationalen
Bonhoeffer-Gesellschaft. Deutschsprachige Sektion
und Vorstands-Mitglied im Bonhoeffer-Haus
Christian Löhr hat, vertraut mit dem Leben und Gedanken Dietrich Bonhoeffers,
mit wachem Geist und klarem Wort der Freiheit durch Gottes Wort Raum gegeben.
Prof. Dr. Rosenau, Kiel, Vorsitzender,
Internationale Bonhoeffer-Gesellschaft. Deutschsprachige Sektion
Gottfried Brezger, Pfr. i.R. und Dr. Tobias Korenke, Vorsitzende,
Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus,
Marienburger Allee 43, 14055 Berlin

Voller Dankbarkeit schauen wir zurück auf die vielen Jahre, in denen wir mit Dr. Christian Löhr in gegenseitigem Vertrauen und Hochachtung im Kuratorium und im Vorstand des Bonhoeffer-Hauses zusammenwirken konnten. In derselben Treue, in der er die Aufgaben im Vorstand der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft. Deutschsprachige Sektion und die mit immenser Arbeit verbundene Verantwortung für die Herausgabe des Bonhoeffer-Rundbriefs übernommen hat, engagierte er sich auch für die Arbeit im Bonhoeffer-Haus. Bei den Beratungen war auf ihn Verlass: er war immer da und hat den Weg von Brandenburg aus nicht gescheut. Zu Veranstaltungen im Haus sind Christian und Mechthild Löhr miteinander gekommen, zuletzt am 9. November 2020 zum Gedenkweg in der Nachbarschaft des Bonhoeffer-Hauses.

In aller Bescheidenheit hat Christian Löhr in den Vorstandssitzungen Protokoll geführt. Menschlich und theologisch waren wir in großer Offenheit und Klarheit miteinander verbunden. Wir haben ihn erlebt als glaubwürdigen, geschichtsbewussten und sprachmächtigen Vertreter von Christen in der DDR mit aufrechtem Gang, intensiv und bis ins kleinste Detail kundig und verbunden mit Bonhoeffers Gedanken, und zugleich frei zur kritischen Wahrnehmung der Gegenwart. Seine geistesgegenwärtigen Predigten, Briefe und Betrachtungen aus dem „Schwellenjahr 1990“, die er Weihnachten 2019 im Eigenverlag zusammengestellt hat, hat er unter die Überschrift gestellt: „In jedem Ende steckt ein neuer Anfang.“

Die Frage nach dem „neuen Anfang“ bleibt für unser Verstehen und Begreifen offen, für Gott nicht, wie wir glauben und worauf wir hoffen und vertrauen können.
So gewiss, wie „Gott bei uns“ ist „am Abend und am Morgen“
und „an jedem neuen Tag“ –
so gewiss werden wir bei Gott sein an seinem jüngsten Tag.
Gottfried Brezger

Christian Löhr
In jedem Ende steckt ein neuer Anfang.
1990

Vorbemerkung, Brandenburg im Dezember 2019

In der jüngsten deutschen Geschichte ist das Jahr 1990 ein Schwellenjahr. Die DDR war in den Ereignissen vom Herbst 1989 endgültig untergegangen Im Herbst 1990 wurde die Vereinigung der beiden Nachkriegsdeutschlands in Form des Beitritts der ehemaligen DDR zur BRD und ihrem Grundgesetz vollzogen. Für einen geschichtlich kurzen Moment von einem halben Jahr schien zumindest für die Bürgerinnen und Bürger auf dem Gebiet der DDR die Zukunft völlig offen …

Die Veröffentlichung dieser Texte heute nach 30 Jahren möchte daran erinnern, mit welchen Befürchtungen und Hoffnungen sich Menschen damals auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machten, was sich davon erfüllt hat und was uns als bleibende Aufgabe und Ziel nach wie vor aufgegeben ist.

Vor uns ein neuer Weg
Silvester 1989, Mitternachtsandacht zum Jahreswechsel 1989/90
Vorspruch

Am Ende dieses Jahres gedenke ich der Taten des HERRn
und sinne nach über alle seine Werke:
Heilig, o HERR, ist Dein Weg!
Wo ist einer wie unser VATER IM HIMMEL,
hoch erhaben über alle und zugleich uns so nahe,
dass er sich kümmert um unser Geschick?
Er hat uns befreit mit seinem mächtigen Arm.
Wir gingen alle in die Irre.
Nacht hatte sich auf uns gesenkt.
Angst drohte uns zu ersticken.
Mit dem Mut der Verzweiflung stimmten unter uns einige den Ruf an,
der uns in die Freiheit führen sollte: „Wir sind das Volk!“
Es wurde ein mächtiger Ruf, weil immer mehr einstimmten,
und damit sich und uns Mut zuriefen, sodass selbst die Münder derer
sich öffneten, die über Jahrzehnte hin geschwiegen hatten.
Ein mächtiger Ruf – und doch ein armes Wort.
Was vermochte es anderes,
als die angemaßte Macht der Herrschenden zu stoppen,
die Macht derer, die wir durch unser Schweigen ermutigt hatten?!
Dabei hätten wir das doch wissen müssen,
wir, die durch das Wort nun zum Leben Befreiten.
Mussten wir wirklich erst durch den Mut der Verzweiflung darauf stoßen,
dass das Wort unseres VATERs IM HIMMEL mächtig ist?
Das jedenfalls ist unsere Schuld am Ende des Jahres:
Weil wir, o HERR, Deinem Wort misstrauten, weil wir anderes für wichtiger hielten, entbehrten wir solange der Freiheit.
Da mussten wir alle in die Irre gehen.
Nun kam die Freiheit über uns durch Dein Wort.
Ja, wir haben gerufen.
Du aber hast dem Worte Macht gegeben,
die Macht des Friedens, die die Gewalt der Herrschenden überwand.
So fiel sie uns zu – die Freiheit.
Noch haben wir den Zufall nicht wirklich begriffen,
aber schon denken wir:
Freiheit – das ist unser Recht, unser Verdienst.
Von anderen wurde sie uns vorenthalten, von denen,
denen nun unser Zorn gilt. Die haben die Freiheit missbraucht.
Nun muss sie ihnen genommen werden und wir müssen sie haben –
die Freiheit.
So gehen wir schon wieder in die Irre.
Ein jeder sieht nur auf seinen Weg, denkt nur an seine Freiheit.
Vergessen ist, dass wir sie uns selbst vorenthalten haben.
Vergessen ist unsere Schuld und dass sie uns zufiel – die Freiheit,
ein Zufall für die meisten unverdient.
Vergessen ist, dass wir uns der Freiheit würdig erweisen müssen,
nachdem wir der Freiheit gewürdigt wurden – aus Gnade,
nachdem uns die Freiheit noch einmal geschenkt wurde.
Am Ende dieses Jahres gedenke ich der Taten des HERRn
und sinne nach über all‘ Deine Werke:
Heilig, o HERR, ist Dein Weg.

Trauerfeier für Mechthild und Christian Löhr
am 4. März, 15 Uhr
in der St. Gotthardt-Kirche in Brandenburg

Zum 115. Geburtstag Dietrich Bonhoeffers am 4. Februar 2021

Jahreslosung 2021: Lukas 6,36
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Liebe Mitglieder, Freundinnen und Freunde des Bonhoeffer-Hauses,

zum 115. Geburtstag Dietrich Bonhoeffers grüße ich Sie mit Bezug zur Jahreslosung 2021 mit Worten aus seinem Ethik-Manuskript „Christus, die Wirklichkeit und das Gute“ (DBW 6, S. 52):

„Dass Gott die Welt in Christus geliebt und mit sich versöhnt hat,
ist die zentrale Verkündigung des Neuen Testaments.
In ihr ist vorausgesetzt, dass die Welt der Versöhnung mit Gott
bedürftig, doch von sich aus nicht fähig ist.
Die Annahme der Welt ist ein Wunder der göttlichen Barmherzigkeit.
Darum ist das Verhältnis der Gemeinde zur Welt ganz und gar bestimmt
durch das Verhältnis Gottes zur Welt.“

Für dieses Wort habe ich mich bei meiner Suche quer durch Bonhoeffers Werk zum Stichwort „Barmherzigkeit“, das uns mit der Jahreslosung durch das Jahr 2021 begleitet, entschieden,

  • weil es die göttliche Barmherzigkeit ins Zentrum der biblischen Verkündigung stellt (sie gehört m. E. auch im ‚Alten‘ Testament zur ‚zentralen Verkündigung‘),
  • weil es Gottes Barmherzigkeit nicht nur in der Zuwendung zu mir, sondern zur Welt erfasst,
  • und weil es die Konjunktion „wie“ in der Jahreslosung auslegt in der Bestimmung des Verhältnisses der Gemeinde zur Welt durch das Verhältnis Gottes zur Welt.

Herzliche Grüße
Gottfried Brezger

Erinnern – gedenken – handeln

Erinnern – gedenken – handeln

– unter dieser Überschrift beteiligten sich am Abend des 9. November 2020 über 50 Personen am Erinnerungsweg. Dazu eingeladen hatten die Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus e.V., die Stolperstein-Initiative des Siedlervereins Eichkamp und die Evangelische Friedensgemeinde. An folgenden Orten wurde an Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung gedacht:

  1. Gedenktafel am Mommsenstadion zur Erinnerung an jüdische Sportler und Sportlerinnnen, die im Nationalsozialismus aus den Vereinen, wie dem Sport-Club Charlottenburg, ausgeschlossen wurden. Sie mussten aus Deutschland fliehen; auch Olympiasieger waren nicht geschützt vor der Deportation und Ermordung.
  2. Stolpersteine in der Waldschulallee zur Erinnerung an jüdische Bürgerinnen und Bürger in der Siedlung Eichkamp.
  3. Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus mit der Erinnerung an Klaus und Dietrich Bonhoeffer, Rüdiger Schleicher und Hans v. Dohnanyi.
  4. Lager der „Organisation Todt“ in der Waldschulallee mit 2000 Gefangenen in Baracken für Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und „wehrunwürdige“ Deutsche („Halbjuden“, Homosexuelle, politisch Verfolgte).
  5. Wohnhaus der Familie Ruge neben der Kirche der Ev. Friedensgemeinde in der Tannenbergallee 8. Als Rechtsanwalt vertrat Ludwig Ruge viele jüdische Mandanten. Seine Frau war Jüdin und im Haus versteckten sie zwei jüdische Schwestern.


Remember – commemorate – act

– under this heading, over 50 people took part in the remembrance path to places on the evening of November 9, 2020. The Bonhoeffer-Haus e.V. memorial and meeting place, the Stolperstein Initiative of the Eichkamp settlers‘ association and the Evangelical Peace Congregation had invited guests. Victims of National Socialist persecution were commemorated in the following places:

  1. Memorial plaque at the Mommsenstadion in memory of Jewish athletes who were excluded from clubs such as the Sport-Club Charlottenburg during National Socialism. They had to flee Germany; even Olympic champions were not protected from deportation and murder.
  2. Stumbling blocks (Stolpersteine) in Waldschulallee in memory of Jewish citizens in the Eichkamp settlement.
  3. Bonhoeffer House memorial and Place of Encounter with the memory of Klaus and Dietrich Bonhoeffer, Rüdiger Schleicher and Hans v. Dohnanyi.
  4. Camp of the „Organization Todt“ in the Waldschulallee with 2000 prisoners in barracks for forced laborers, prisoners of war, concentration camp prisoners and „unworthy of defense“ Germans („half Jews“, homosexuals, politically persecuted people).
  5. Family home of the lawyer Ludwig Ruge close to the church of the Ev. Friedensgemeinde at Tannenbergallee 8. He represented many Jewish clients. His wife was Jewish and they hid two Jewish sisters in their home.

So viel Widerstandskraft ! Bonhoeffer lesen in kritischen Zeiten (Frühjahr 2020)

Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus
www.bonhoeffer-haus-berlin.de

Während der durch die Corona-Krise verursachten Schließung und Besuchsbegrenzung des Bonhoeffer-Hauses war es uns wichtig, das Haus wenigstens digital ‚offen zu halten‘. Dies ge-schah durch wöchentliche blogs vom Sonntag JUDIKA am 29. März 2020 bis zum Sonntag TRINITATIS am 6. Juni 2020. Dem 75-jährigen Gedenken am 8. Mai, dem Tag der Kapitulati-on / Befreiung 1945 war ein eigener blog gewidmet. In den blogs wurden ausgewählte Bonho-effer-Texte in einen doppelten Kontext gestellt: den historischen und zugleich den aktuellen, durch das Corona-Virus dominierten. Leitend war dabei die Frage:

»Wie gehören politischer Widerstand und seelische Widerstandskraft zusammen?«

In Zeiten, in denen Impfgegner, Anhänger von Verschwörungstheorien und andere demokratie-feindliche Aktivisten den „Widerstandsbegriff“ für sich reklamieren, ist es umso wichtiger, – völ-lig im Widerspruch zu diesen – Bonhoeffers Leben und Denken im Widerstand wahrzunehmen als Hilfe zur Stärkung und Klärung.

Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen

Gottfried Brezger

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ÜBERBLICK
Bonhoeffer-Texte (Auszüge)

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29. März: 1. JUDIKA („Schaffe mir Recht, Gott!“)
„Einige Glaubenssätze über das Walten Gottes in der Geschichte“
(DBW 8,30 ff.)

05. April: 2. PALMSONNTAG
„Christen und Heiden“
(DBW 8,515 f.)
Sich „in das Leben, Sprechen, Handeln, Leiden und Sterben Jesu versenken“.
(DBW 8,572 f.)

12. April: 3. OSTERSONNTAG
„Auferstehung – Gottes dreifaches Ja“
Betrachtung zu Ostern 1940
(DBW 16,471 ff.)

19. April: 4. QUASIMODOGENITI („Wie neugeborene Kinder“)
Dietrich Bonhoeffers letzte Predigt in Schönberg
Glauben lernen
(DBW 8,542)

26. April: 5. MISERIKORDIAS DOMINI („Die Güte des Herrn“)
Gottes Wege mit uns: Auf grünen Auen und durch das finstere Tal
Meditation über Psalm 119,3 und Psalm 23
(DBW 15,507 f.)

03. Mai: 6. JUBILATE („Jubelt!“)
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur“ (2. Korintherbrief 5,17)
„Das Wunder der Auferstehung hebt die Vergötzung des Todes aus den Angeln“
(DBW 6,78 ff.)
„Wer leistet sich heute noch eine wirkliche Sehnsucht?“
(DBW 8,389 f.)

08. Mai: 7. Zum 75. Jahrestag der Kapitulation und Befreiung vom Nationalsozialismus
„Die große Maskerade des Bösen“
(DBW 8,20)
„Von der Dummheit“ (über ideologische Verblendung und notwendige Befreiung)
(DBW 8,26 ff.)
Schuldbekenntnis der Kirche zum 5. Gebot (1940/41):
(DBW 6,130)
Versagen angesichts der Judenverfolgung
Geschenk des Neuanfangs in der Ökumene

10. Mai: 8. KANTATE
„Singt dem Herrn ein neues Lied“ (Psalm 98,1)
Dietrich Bonhoeffer und Paul Gerhardt – ein Beziehungswandel
Predigt am Sonntag KANTATE in London, 1934
(DBW 13,351 ff.)
Vortrag anlässlich der Olympiade 1936 in Berlin
(DBW 14,714 ff.)
Briefe aus der Haft
(DBW 8)

17. Mai: 9. ROGATE
„Herr, lehre uns beten!“ (Lukas 11,1) – Beten mit Christus
„Das Gebetbuch der Bibel. Eine Einführung in die Psalmen“
(DBW 5)
Gebete für Gefangene
(DBW 8,204 ff.)
Gebet in Not und Erhörung
(DBW 8)

21. Mai: 10. CHRISTI HIMMELFAHRT
„Christus hat die ganze Welt mit sich hinaufgerissen zum Leben und zum Licht“
Predigt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Berlin am 16.6.1932
(DBW 11,444 ff.)
Predigt in der Kaiser-Wilhelm-Kirche Berlin am 25.5.1933
(DBW 12,455 ff.)

24. Mai: 11. EXAUDI („Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe!“, Psalm 27)
Aaron gegen Mose – der ewige Konflikt in der Kirche Christi – Exodus 32
(DBW 12,459 ff.)
Predigt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Berlin am 28.5.1933

31. Mai: 12. PFINGSTEN
„Wir beherbergen gewissermaßen Gott und die ganze Welt in uns“
Briefe zu Pfingsten in der Haftzeit
(DBW 8)

07. Juni: 13. TRINITATIS
Die vollkommene Liebe als das Geheimnis des lebendigen Gottes
Predigt am Sonntag Trinitatis, London, 27. Mai 1934 (DBW 13,359-363)
„Widerstand und Ergebung“ (DBW 8)

So viel Widerstandskraft ! Bonhoeffer lesen in kritischen Zeiten (13) Trinitatis, 7. Juni 2020

Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus
www.bonhoeffer-haus-berlin.de (Texte in deutscher und englischer Sprache)

Dies ist der letzte Beitrag auf der Website des Bonhoeffer-Hauses (unter: Aktuelles) in der Reihe der Blogs seit dem Sonntag Judika am 29. März 2020. Dadurch sollte das Haus, das seit Anfang Mai wieder von Kleingruppen bis zu 5 Personen besucht werden kann, digital offen gehalten werden. In den 13 Folgen (s. Überblick) wurden ganz unterschiedliche Bonhoeffer-Texte in ihren historischen und den aktuellen Kontext gestellt unter dem Aspekt:
»Wie gehören politischer Widerstand und seelische Widerstandskraft zusammen?«
In diesen Tagen, in denen Impfgegner, Anhänger von Verschwörungstheorien und andere demokratiefeindliche Aktivisten den „Widerstandsbegriff“ für sich reklamieren, ist es umso wichtiger, -völlig im Widerspruch zu diesen – Bonhoeffers Leben und Denken im Widerstand wahr-zunehmen als Hilfe zur Stärkung und Klärung in kritischen Zeiten.

Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen
Gottfried Brezger


TRINITATIS: Die vollkommene Liebe als das Geheimnis des lebendigen Gottes
– Die Rede vom dreieinigen Gott


TEXT
DBW 13,359-363 (kursiv original).
Predigt am Sonntag Trinitatis, London, 27. Mai 1934

  1. Korinther 2,7-10
    Wir reden von der heimlichen, verborgenen Weisheit Gottes, welche Gott verordnet hat vor der Welt zu unserer Herrlichkeit, welche keiner von den Obersten dieser Welt erkannt hat; denn wo sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): „Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.“ Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Die Geheimnislosigkeit unseres modernen Lebens ist unser Verfall und unsere Armut. Ein menschliches Leben ist so viel wert, als es Respekt behält vor dem Geheimnis. Ein Mensch erhält sich so viel vom Kinde ihn ihm, als er das Geheimnis ehrt. Darum haben die Kinder so offene, erwachende Augen, weil sie wissen, dass sie umgeben sind vom Geheimnis …
Dass das Geheimnis die Wurzel alles Begreiflichen und Klaren und Offenbaren ist, das wollen wir nicht hören … Das Geheimnis bleibt Geheimnis. Es entzieht sich unserem Zugriff. Geheim-nis heißt nun aber nicht einfach, etwas nicht wissen … Nicht der fernste Mensch ist uns das größte Geheimnis, sondern grade der Nächste. Und sein Geheimnis wird uns dadurch nicht geringer, dass wir immer mehr von ihm wissen; sondern in seiner Nähe wird er uns immer ge-heimnisvoller. Es ist die letzte Tiefe alles Geheimnisvollen, wenn zwei Menschen einander so nahe kommen, dass sie einander lieben. …

Warum sagen wir das alles heute, am Tag, an dem wir [von] der Dreieinigkeit Gottes reden sollen? Wir sagen es, um auf ganz menschliche Weise aufmerksam zu machen auf jenen Be-griff, der uns immer wieder verloren gehen will und ohne den es einfach keinen Zutritt gibt zum Verständnis des Gedankens der Dreieinigkeit Gottes – nämlich den Begriff des Geheimnisses … Gott lässt sich nicht einfach fassen, wo wir ihn grade fassen wollen, sondern die Kirche re-det von der heimlichen, verborgenen Weisheit Gottes. Gott lebt im Geheimnis. Sein Sein ist uns Geheimnis, Geheimnis von Ewigkeit her und zu Ewigkeit hin … Jedes Dogma der Kirche ist nur Hinweis auf das Geheimnis Gottes.

Aber die Welt ist gegen dieses Geheimnis blind. Sie will einen Gott, den sie verrechnen und ausnutzen kann oder sie will gar keinen Gott. Das Geheimnis Gottes bleibt ihr verborgen. Sie will es nicht. Sie macht sich Götter nach ihrem Wunsch, aber den nahen, heimlichen, verbor-genen Gott erkennt sie nicht ….
Die Obersten dieser Welt leben vom Rechnen und vom Nutzen, dadurch werden sie groß in der Welt – aber das Geheimnis begreifen sie nicht; das begreifen ja nur die Kinder. Ein untrüg-liches Zeichen trägt die Welt, das von ihrer Blindheit gegen das Geheimnis Gottes zeugt: das Kreuz Christi … Das also ist das unerkannte Geheimnis Gottes in dieser Welt, Jesus Christus … Geheimnis darum, weil Gott hier arm, niedrig, schwach wurde aus Liebe zu den Menschen, weil Gott ein Mensch wurde wie wir, damit wir göttlich würden, weil er zu uns kam, damit wir zu ihm kämen … Gottes Liebe und Nähe – das ist das Geheimnis Gottes, das er denen bereitet hat, die ihn lieben.

Dass es der eine Gott ist, der Vater und Schöpfer der Welt, der in Jesus Christus uns geliebt hat bis zum Tod, der im Heiligen Geist unser Herz zu ihm auftut, dass wir ihn lieben, dass es nicht drei Götter sind, sondern dass es einer ist, der die Welt vom Anfang bis zum Ende um-fängt, schafft und erlöst, und dass er doch jedes mal ganz Gott ist als der Schöpfer und Vater, als Jesus Christus und als der Heilige Geist – das ist die Tiefe der Gottheit, die wir als Geheim-nis anbeten und als Geheimnis begreifen … Gottes Selbstverherrlichung in der Liebe – das ist sein Geheimnis.
Wenn wir am Anfang des Gottesdiensts sagen: Im Namen … so rufen [wir] dies Geheimnis der Liebe Gottes an.
Wenn die Kirche seit Jahrhunderten von dem dreieinigen Gott lehrt, so ist dies alles andere als rationalistische Verhärtung der Religion, sondern es ist nichts anderes als ein dauerndes Hin-weisen wollen, durch allerlei Weise, auf das Geheimnis des lebendigen Gottes. Der Sinn der Dreieinigkeitslehre ist ungeheuer einfach, sodass ihn jedes Kind verstehen kann: es ist wahr-haftig nur ein Gott, aber dieser Gott ist die vollkommene Liebe [in der er sich selbst verherrlicht und die ganze Welt umfasst] und als solche ist er Jesus Christus und der Heilige [Geist].

KONTEXT

1 Widerstandskraft

„Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brau-chen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“

Am Anfang der Reihe mit Bonhoeffer-Texten standen diese an die Mitverschworenen gerichte-ten Worte an der Jahreswende 1942/43 (Einige Glaubenssätze über das Walten Gottes in der Geschichte“, in: Nach zehn Jahren, DBW 8,30 ff.).
Am Schluss der 13 Beiträge der 10 Wochen seit dem Sonntag Judika am 29. März 2020 lesen wir noch einmal, wie am Sonntag Exaudi, Auszüge aus einer Predigt Dietrich Bonhoeffers, nun aus seiner Londoner Zeit. Sie spricht von der „heimlichen, verborgenen Weisheit Gottes“.

Die Wichtigkeit der Predigt wurde besonders betont von Ernst Feil (Die Theologie Dietrich Bonhoeffers. Hermeneutik. Christologie. Weltverständnis, München 1971) und Hans-Jürgen Abromeit (Das Geheimnis Christi. Dietrich Bonhoeffers erfahrungsbezogene Christologie, Neukirchen-Vluyn 1991).

2 Gott lebt im Geheimnis

Bei der Bekämpfung der Pandemie werden Mittel und Wege gesucht, die Verbreitung des Vi-rus in den Griff zu bekommen und es werden keine Kosten gescheut, die Folgen zu begrenzen. Was grundsätzlich gilt, trifft hier besonders zu: Auch die Wissenschaft kann politisch Verant-wortliche nicht davon befreien, unter dem Vorbehalt der Unsicherheit zu entscheiden.

In ganz grundsätzlicher Weise hat es der christliche Glaube mit dem Vorbehalt der Ungewiss-heit zu tun. „Gott lässt sich nicht einfach fassen, wo wir ihn grade fassen wollen … Gott lebt im Geheimnis … Aber die Welt ist gegen dieses Geheimnis blind.“ Bereits im letzten Kapitel von ‚Akt und Sein‘ (1931) hat Bonhoeffer die „eschatologische Möglichkeit des Kindes“ (‚actus di-rectus‘, DBW 2,158 ff.) dem durch die Vergangenheit bestimmten Glauben des Erwachsenen in der Begrenzung seines Gewissens und Bewusstseins (‚actus reflexus‘) entgegen gesetzt.

3 Das Kreuz Christi als Zeichen für das unerkannte Geheimnis Gottes in der Welt

„Aus Liebe zu den Menschen“ wird Gott „arm, niedrig, schwach“. „Gottes Selbstverherrlichung in der Liebe – das ist sein Geheimnis.“ Als „vollkommene Liebe“ ist der eine Gott zugleich Je-sus Christ und der Heilige Geist.“ Die dreifältige Beziehung ist Zeichen der Vollkommenheit.

Ergriffen vom Unbegreiflichen, inspiriert von Gottes Liebe wird das Mitleiden am Leiden Gottes an der Welt zum Leitmotiv christlichen Handelns. Solidarität mit den besonders Bedrohten ge-hört in der Corona-Krise dazu. Aber nicht nur mit den Nächsten, sondern auch mit den Fernen. Und nicht nur mit den heute Lebenden, sondern auch mit zukünftigen Generationen. Gottes Selbstverherrlichung fordert, zu widerstehen gegen die Selbstverherrlichung von Egomanen und Autokraten, die sich in der Krise nur noch schneller um sich selber drehen.

4 „Soviel Widerstandskraft“ – Widerstand und Ergebung

Enttäuscht über die seiner Meinung nach durch „übergroße Bedenklichkeit“ verpasste Gele-genheit zu seiner Freilassung nach dem Abschluss der Untersuchungen schreibt Dietrich Bon-hoeffer am 21. Februar 1944 an seinen Freund Eberhard Bethge: über „eine negative Kehrseite der bürgerlichen Existenz, d.h. eben jenes Stück Glaubenslosigkeit, das in gesicherten Zeiten verborgen bleibt, aber in ungesicherten zum Vorschein kommt, und zwar in der Gestalt der ‚Angst‘ … vor dem selbstverständlichen, schlichten Tun und von dem Aufsichnehmen notwen-diger Entscheidungen. Ich habe mir hier [in der Haft] oft Gedanken darüber gemacht, wo die Grenzen zwischen dem notwendigen Widerstand gegen das ‚Schicksal‘ und der ebenso not-wendigen Ergebung liegen … Ich glaube, wir müssen das Große und Eigene wirklich unter-nehmen und doch zugleich das selbstverständlich- und allgemein-Notwendige tun, wir müssen dem ‚Schicksal‘ – ich finde das ‚Neutrum‘ dieses Begriffes wichtig – ebenso entschlossen ent-gegentreten wie uns ihm zu gegebener Zeit unterwerfen. Von ‚Führung‘ kann man erst jenseits dieses zwiefachen Vorgangs sprechen, Gott begegnet uns nicht nur als Du, sondern auch ‚vermummt‘ im ‚Es, und in meiner Frage geht es also im Grunde darum, wie wir in diesem ‚Es‘ (‚Schicksal‘) das ‚Du‘ finden, oder m.a.W. – verzeih, ich verabscheue Fettflecke als etwas be-sonders Unappetitliches; aber ich kann den Bogen nicht nochmal schreiben, da der Brief sonst noch länger liegen bleibt! – wie aus dem ‚Schicksal‘ wirklich ‚Führung‘ wird.
Die Grenzen zwischen Widerstand und Ergebung sind also prinzipiell nicht zu bestimmen; aber es muss beides da sein und beides mit Entschlossenheit ergriffen werden. Der Glaube fordert dieses bewegliche, lebendige Handeln.“ (DBW 8,333)

Diese Gedanken haben Eberhard Bethge 1951 dazu veranlasst, Dietrich Bonhoeffers Briefen und Aufzeichnungen aus der Haft den Titel „Widerstand und Ergebung“ zu geben.

Soviel Widerstandskraft – so viel Widerstandskraft!

Dietrich Bonhoeffer fragt nicht nach dem fernen, sondern nach dem nahen Gott. In seiner Be-drängnis durch die fortdauernde Haft geht es ihm im Blick auf seine Gottesbeziehung nicht um die ‚Warum-Frage‘. Es ist die ‚Wer-Frage‘, die aus dem ‚Es‘ ein ‚Du‘ macht – Fettfleck hin oder her.

So viel Widerstandskraft heute! Das verstehe ich in unserer Zeit der Begrenzungen aufgrund der Pandemie so: nicht in der Verfolgung von eigenen oder fremden Prinzipien und Interessen, sondern im beweglichen, lebendigen Handeln im Glauben, sowohl im Widerstand gegen Un-recht, das in dieser Krise deutlich zutage tritt, als auch in der Ergebung in oder auch Anpassung an das Selbstverständliche und Notwendige – in beidem erfahren wir Gottes ‚Führung‘ und Nä-he. Und so selbstverständlich z.B. das Abstandsgebot sein sollte, so notwendig ist es, dass wir die Widerstände überwinden, die uns hindern, denen nahe sein, die unser „Beten und Tun des Gerechten“ gerade jetzt und in der Zukunft brauchen.

Bleiben Sie behütet und getrost im beweglichen, lebendigen Handeln im Glauben!
Gottfried Brezger


Memorial and Place of Encounter Bonhoeffer-Haus Berlin
www.bonhoeffer-haus-berlin.de

So much strength to resist! Read Bonhoeffer in critical time (13)
Trinity, June 6, 2020

This is the last episode on the website of the Bonhoeffer House (see: Aktuelles / News) in the se-ries of blogs since Sunday JUDICA on March 29, 2020. This should enable the House, which has been visited by small groups of up to 5 people again since the beginning of May, to be kept digital-ly open. In the 13 episodes, very different Bonhoeffer texts were placed in their historical and cur-rent context under the aspect:
»How do political resistance and mental strength to resist (resilience) belong together?«
In these days, when opponents of vaccination, supporters of conspiracy theories and other anti-democratic activists claim the term “resistance” for themselves, it is all the more important – in complete contradiction to this – to perceive Bonhoeffer’s life and thinking in resistance as help for strengthening and clarifying.

With warm regards and good wishes
Gottfried Brezger, chairman


TRINITY: The perfect love as mystery of the living God
– The doctrine of the trinity


TEXT
DBW volume 13, p. 360-363 (the italics are original)
Sermon on 1 Corinthians 2:7-10
London, Trinity Sunday, May 27, 1934

But we speak God’s wisdom, secret and hidden, which God decreed before the ages for our glo-ry. None of the rulers of this age understood this; for if they had, they would not have crucified the Lord of glory. But, as it is written [Isa.64:4],
“What no eye has seen, nor ear heard, nor the human heart conceived, what God has prepared for those who love him – these things God has revealed to us through the Spirit; for the Spirit searches everything, even the depths of God..”

The lack of mystery in our modern life means decay and impoverishment for us. A human life is of worth to the extent that it keeps its respect for mystery. By honoring mystery, we keep within us some of the child we used to be. Children keep their eyes wide open, wide awake, because they know that they are surrounded by mystery …
That the roots of all that is clear and obvious and understandable lie in mystery, that is what we do not want to hear … The mystery remains a mystery. It eludes our grasp.
However, mystery does not mean simply not knowing something … The person farthest away from us is not the most mysterious to us, but rather the neighbor. And the mystery of that person will not be diminished for us the more we find out about him or her; instead, he or she will become ever more mysterious to us, the closer we come together. The very deepest mystery is when two persons grow so close to each other that they love each other …

Why are we saying all this today, on the day when we are supposed to be talking about God in the Holy Trinity? We say it to draw attention, in a very human way, to that concept that we are always losing sight of and without which there is simply no way to come near to understand the idea of God the Holy Trinity – that is, the concept of mystery …
God cannot simply be grasped in the way we might expect to do it; instead, the church speaks of the secret and hidden wisdom of God. God lives in mystery. To us, God’s very being is mystery, from everlasting to everlasting … Every dogma of the church only points to the mystery of God.

But the world is blind for this mystery. It wants to have either a God whom it can calculate and exploit or else no God at all. The mystery of God remains hidden from the world. The world does not want it. Instead, it makes its own gods according to its wishes and never recognizes the mys-terious and hidden God who is near at hand … The rulers of this world live by calculation and ex-ploitation; that is how they come to be great rulers in the eyes of the world. But they do not under-stand mystery; only children do.
The world carries an unmistakable sign that proves it is blind to the mystery of God: the cross of Jesus Christ … That is the unrecognized mystery of God in this world: Jesus Christ. That this Je-sus of Nazareth, the carpenter, was the Lord of glory in person, that was the mystery of God. A mystery, because here on earth God became poor and lowly, small and weak, out of love for hu-mankind; because God became a human being like us, so that we might become divine; because god came to us so that we might come to God …God’s love and closeness – that is the mystery of God, the holy mystery prepared for those who love God.

That this is the one God, Father and Creator of the world, who in Jesus Christ loved us even unto death, who in the Holy Spirit opens our hearts to receive and to love that one God; that there are not three gods, but only one, who envelops, creates, and redeems the world from beginning to end; and that in each of these God is fully God, as Creator and Father, as Jesus Christ and as the Holy Spirit – that is the depth of deity, which we worship as a mystery and understand as a mys-tery … God’s self-glorification expressed in love – that is God’s essential mystery …

When we say, at the beginning of our worship service, “In the name of God, the Father, the Son, and the Holy Spirit,” we are appealing to this mystery of the love of god. For hundreds of years the church has been teaching about God the Holy Trinity. But this is anything but a rationalistic hard-ening of religion; to the contrary, it is our continuing effort to point in every way can toward the mystery of the living God.
What the doctrine of Trinity means is immensely simple, so that any child can understand it. There is truly one God, but this God is perfect love [in which God glorifies himself and embraces the whole world in love] and as such God is Jesus Christ and the Holy [Spirit].

CONTEXT

1 Strength to resist

„I believe that in every moment of distress God will give us as much strength to resist as we need. But it is not given to us in advance, lest we rely of ourselves and not on God alone.”

At the beginning of the series with Bonhoeffer texts were these words addressed to the conspira-tors at the turn of 1942/43 (Trust, in Prologue of Letter and Papers from Prison, DBW volume 8).
At the end of the 13 episodes of the 10 weeks since Sunday Judica on March 29, 2020, we read again, as on Sunday Exaudi, extracts from a sermon by Dietrich Bonhoeffer, now from his time in London. His sermon speaks of the „secret, hidden wisdom of God“.

The importance of the sermon was particularly emphasized by Ernst Feil (Die Theologie Dietrich Bonhoef-fers. Hermeneutik. Christologie. Weltverständnis, München 1971) and Hans-Jürgen Abromeit (Das Geheim-nis Christi. Dietrich Bonhoeffers erfahrungsbezogene Christologie, Neukirchen-Vluyn 1991).

2 God lives in mystery

The fight against the pandemic looks for ways to control the spread of the virus and spares no expense in limiting the consequences. What applies in principle is particularly true here: even sci-ence cannot exempt politically responsible persons from making decisions subject to uncertainty.

Fundamentally, the Christian faith has to do with the reservation of uncertainty. “God cannot simp-ly be grasped in the way we might expect to do it … God lives in mystery … But the world is blind for this mystery.”

Already in the last chapter of ‚Act and Being‘ (1931) Bonhoeffer had the „eschatological possibility of the child“ (‚actus directus‘, DBW 2,158 ff.) opposed the adult’s belief in the limitation of his con-science and consciousness determined by the past (‚Actus reflexus‘).

3 The cross of Jesus Christ as sign for the unrecognized mystery of God in this world

“Out of love for humankind” “God became poor and lowly, small and weak.” “God’s self-glorification expressed in love – that is God’s essential mystery.” As “perfect love” is the “truly one God … Jesus Christ and the Holy Spirit.” The triune relationship is the essence of God’s perfec-tion in love.

Seized by the incomprehensible, inspired by God’s love, compassion for God’s suffering in the world becomes the basic requirement for the action of Christians. Solidarity with the particularly threatened is part of the Corona crisis. But not only with the next ones, but also with the distant ones. And not only with those living today, but also with future generations. God’s self-glorification demands to resist the self-glorification of egomaniacs and autocrats, who only revolve more quickly in the crisis.

4 As much strength to resist – resistance and submission

Disappointed at the opportunity he had missed – in his opinion – due to „excessive concern“ for his release after the investigation was completed, Dietrich Bonhoeffer wrote to his friend Eberhard Bethge on February 21, 1944, about “a negative side of bourgeois existence – simply that part of our lack of faith that remains hidden in times of security, but comes out in times of insecurity in the form of fear … of straightforward, simple actions, fear of having to make necessary decisions. I’ve often wondered here [in prison] where we are to draw the line between necessary resistance [Widerstand] to ‘fate’ and equally necessary submission [Ergebung] … I think we must rise to the great demands that come to each of us, but also do the commonplace and necessary things. We must stand up to ‘fate’ – to me the ‘neuter’ gender of this word is significant – as resolutely as we must submit to it at a given time. Only on the other side of this twofold process can we speak of ‘being led’ [‘Führung’]. God meets us not only as ‘Thou’ but also in the ‘disguise’ of an ‘It’, so my question is basically how to find the ‘Thou’ in this ‘It’. (i.e., ‚fate‘). Or in other words -excuse me, I really find grease spots disgusting, but I can’t write this page over again, since then the letter will be delayed even longer!”- how ‘fate’ really becomes ‘the state of being led’. So the boundaries between resistance and submission can’t be determined as a matter of principle but both must be there and both must be seized resolutely. Faith demands this flexible and alive way of acting.” (DBW volume 8,303 f.)

These thoughts inspired Eberhard Bethge to give Dietrich Bonhoeffer’s letters and papers from prison the title „Widerstand und Ergebung“ in 1951.

As much strength to resist – so much strength to resist!

Dietrich Bonhoeffer does not ask about the distant, but about the close God. In his distress due to the continued detention, he is not concerned with the question of “Why?” in his relationship with God. It is the question of “Who?” that turns the ‚It‘ into a ‚Thou‘ – grease or not.

So much strength to resist today! I understand this in our time of limitations due to the pandemic: not in the pursuit of own or foreign principles and interests, but in flexible, lively acting in faith, both in the resistance to injustice, which is clearly evident in this crisis, as well as in surrendering or adapting to what is self-evident and necessary – in both we experience God’s ‚guidance‘ and closeness. And so naturally e.g. the imperative of distance should be, so it is necessary for us to overcome the resistances that prevent us, to be close to those who need our “praying and doing justice” right now and in the future.

Stay protected and confident in flexible, lively acting in faith!
Blessings
Gottfried Brezger

So viel Widerstandskraft ! Bonhoeffer lesen in kritischen Zeiten (12) Pfingsten, 31. Mai 2020

Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus
www.bonhoeffer-haus-berlin.de (Texte in deutscher und englischer Sprache)

Inzwischen können wieder kleine Gruppen bis zu 5 Personen das Bonhoeffer-Haus besuchen. Darüber hinaus halten wir das Haus „offen“ durch Blogs, in denen wir für jeden Sonntag bis Trinitatis einen Bonhoeffer-Text in den historischen und aktuellen Kontext stellen unter dem Aspekt: »Wie gehören politischer Widerstand und seelische Widerstandskraft zusammen?«
In diesen Tagen, in denen Impfgegner, Anhänger von Verschwörungstheorien und andere demokratiefeindliche Aktivisten den „Widerstandsbegriff“ für sich reklamieren, ist es umso wichtiger, -völlig im Widerspruch zu diesen – Bonhoeffers Leben und Denken im Widerstand wahr-zunehmen als Hilfe zur Stärkung und Klärung.

Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen
Gottfried Brezger


Pfingsten: „Wir beherbergen gewissermaßen Gott und die ganze Welt in uns“


TEXT
Briefe aus der Haftzeit von 1943 und 1944 (DBW 8, Widerstand und Ergebung)

8. Juni 1943, aus einem Brief von Karl Bonhoeffer an Dietrich (DBW 8,94)

Wir hatten eigentlich gehofft, schon gestern oder vorgestern einen Brief von Dir zu haben. Da er nun auch heute noch nicht gekommen ist, will ich Dir doch schreiben, ohne weiter abzuwar-ten. Wir hoffen, dass die Verzögerung nicht daran liegt, dass Du gesundheitlich nicht in Ord-nung bist. Bei uns ist gesundheitlich nichts zu klagen. Unser Leben geht weiter im wesentlichen in Gedanken an Dich und Hans [v. Dohnanyi].

10. Juni 1943, aus einem Brief von Paula Bonhoeffer an Dietrich (DBW 8,95 f.)

Mein kurzer Gruß, den ich an Papas Brief anfügte, soll doch nicht der einzige Pfingstgruß von mir sein. Ich glaube wohl, dass es dir gelingen wird, auch in der Einsamkeit ein schönes Pfingstfest zu gestalten, denn Du bist ja nicht allein. Dass auch wir alle in Gedanken um Dich sind, weißt Du. Wir wollen miteinander an das alte Pfingstlied denken, in dem es heißt: Lass dich reichlich auf uns nieder, bis wir wieder Trost empfinden, alles Unglück überwinden“ [EG 130, O Heilger Geist, kehr bei uns ein, Strophe 4, 2. Teil]. Im Garten ist zum ersten Mal zu Pfingsten wirklich eine Pfingstrose im Aufblühen!

Eben kommt Dein Brief vom 4ten! [vom Himmelfahrtstag, nach dem Besuch von Maria und ihrer Mutter bei Dietrichs Eltern; s. blog 10] Wir hatten schon sehr darauf gewartet. Es ist uns immer eine ganz große Freude zu sehen, wie Deine innere Berufung zum Pfarrer und Theolo-gen sich auch in dieser harten Zeit an Dir erweist …

2. April 1944, aus einem Brief Dietrichs an Eberhard Bethge (DBW 8,374)

Wenn nun wohl auch Ostern vorübergehen wird, ohne dass wir zu Hause sind und uns wieder-sehen [E.B. war zu dieser Zeit bei der Wehrmacht in Italien], so verschiebe ich diese Hoffnung doch nicht weiter als bis auf Pfingsten. Was meinst Du dazu?

24. Mai 1944, aus einem Brief Dietrichs an Eberhard und Renate (DBW 8,448)

Ich weiß nicht, wie ich meine Wünsche für Eure Pfingsttage anders ausdrücken soll als indem ich ein Wort gebrauche, das ich nur selten in den Mund nehme, – ich wünsche euch, dass Ihr ein gesegnetes Pfingsten feiert, ein Pfingsten mit Gott und mit dem Gebet, ein Pfingsten, an dem Ihr Euch vom Heiligen Geist angerührt wisst, ein Pfingsten, das für die kommenden Wo-chen und Monate für Euch ein rocher de bronce [Felsen aus Erz] der Erinnerung ist. Ihr braucht Tage, an die zurückzudenken Euch nicht ein Schmerz über etwas Entbehrtes, sondern eine Stärkung durch etwas Beständiges ist. Ich habe für Euch ein paar Worte zu den Losungen zu schreiben versucht, z.T. noch heute während der Alarmstunden, sie sind daher etwas dürftig und nicht so durchmeditiert, wie es nötig wäre … Ist eigentlich für Dich. Eberhard, die Erinne-rung an die Pfingstmorgen in Finkenwalde auch so schön und wichtig?

29. Mai 1944, aus einem Brief Dietrichs an Eberhard (DBW 8,453 f.)

Ich hoffe, dass Ihr trotz der Alarme die Ruhe und Schönheit dieser sommerlich warmen Pfingsttage voll auskostet. Man lernt es ja allmählich, von den Bedrohungen des Lebens inner-lich Abstand zu gewinnen, d.h. „Abstand gewinnen“ klingt eigentlich zu negativ, zu formal, zu künstlich, zu stoisch, richtiger ist es wohl zu sagen: man nimmt diese täglichen Bedrohungen … in das Ganze seines Lebens mit hinein. Ich beobachte hier immer wieder, dass es so wenige Menschen gibt, die viele Dinge gleichzeitig in sich beherbergen können … Demgegenüber stellt uns das Christentum in viele verschiedene Dimensionen des Lebens zu gleicher Zeit;

wir beherbergen gewissermaßen Gott und die ganze Welt in uns. Wir weinen mit den Weinen-den und freuen uns zugleich mit den Fröhlichen; wir bangen …um unser Leben, aber wir müs-sen doch zugleich Gedanken denken, die uns viel wichtiger sind als unser Leben …

Das Leben wird nicht in eine einzige Dimension zurückgedrängt, sondern es bleibt mehrdimen-sional, polyphon. Welch‘ eine Befreiung ist es denken zu können und in Gedanken die Mehrdi-mensionalität aufrechtzuerhalten … Man muss die Menschen aus dem einlinigen Denken her-ausreißen – gewissermaßen als „Vorbereitung“ bzw. „Ermöglichung“ des Glaubens, obwohl es in Wahrheit erst der Glaube selbst ist, der das Leben in der Mehrdimensionalität ermöglicht und uns also auch diese Pfingsten trotz Alarmen feiern lässt.

8. Juni 1944, aus einem Brief Dietrichs an Eberhard (DBW 8,475)

… Wir hatten unser Wiedersehen von Weihnachten über Ostern auf Pfingsten verschoben und ein Fest nach dem anderen ging vorüber. Das nächste Fest aber gehört nun sicher uns, daran zweifle ich nicht mehr …

KONTEXT

Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Familie gelernt, Feste zu gestalten. So ist seine Mutter über-zeugt, dass ihm dies auch „in der Einsamkeit“ der Gefängniszelle in Tegel gelingen wird: „Denn Du bist ja nicht allein. Dass auch wir alle in Gedanken um Dich sind, weißt Du.“ Dieses ‚Wissen‘ begleitet ihn auch in seinem letzten Gedicht „Von guten Mächten“.

Die Feste im Kirchenjahr strukturieren nicht nur das kirchliche Handeln; sie sind für Bonhoeffer auch Stationen seiner persönlichen Hoffnung auf Befreiung aus der Haft. Nach fast einem Jahr in Untersuchungshaft will er seine Hoffnung auf die Rückkehr nach Hause und ein Wie-dersehen mit seinem Freund Eberhard Bethge „nicht weiter als bis auf Pfingsten“ verschieben.

Ein „gesegnetes Pfingsten“, wünscht er Eberhard und Renate Bethge in seinem Brief von 24. Mai 1944, dass es „für die kommenden Wochen und Monate“ ein ‚Fels der Erinnerung‘ ist. Zu-gleich erinnert er Eberhard an die Pfingstmorgen in Finkenwalde.

„Man lernt es ja allmählich von den Bedrohungen des Lebens innerlich Abstand zu gewinnen“ – dieser Gedanke erscheint uns in Zeiten der Pandemie überraschend aktuell. Auch wenn wir, anders als Bonhoeffer in der Haft, nicht damit rechnen müssen, der Bedrohung ausgeliefert zu sein. Was aber macht Bonhoeffer aus diesem Gedanken? Er wendet den Begriff „Abstand“, der ihm „eigentlich zu negativ, zu formal, zu künstlich, zu stoisch“ klingt, ins Konstruktive: „Man nimmt diese täglichen Bedrohungen … in das Ganze seines Lebens mit hinein.“
Bonhoeffer beobachtet in seiner Umgebung im Gefängnis, „dass es so wenige Menschen gibt, die viele Dinge gleichzeitig in sich beherbergen können“. Dagegen setzt er den christlichen Glauben, in dem „das Leben nicht in eine einzige Dimension zurückgedrängt“ wird, „sondern mehrdimensional, polyphon„ bleibt.

„Wir beherbergen gewissermaßen Gott und die ganze Welt in uns.“ Und: „Man muss die Men-schen aus dem einlinigen Denken herausreißen“ – für mich beleuchten diese beiden Sätze das Leben und Wirken Dietrich Bonhoeffers im Licht des Geschehens von Pfingsten. Und sie wei-sen im Beten und Tun den Weg zum nichtreligiösen Verständnis der christlichen Botschaft.

Wenn Gottes Geist seine Welt neu schafft, dann wird die Kirche weit,
dann wirkt in ihr seine Schöpfungskraft, macht sie bereit zum Streit
für Frieden und für Gerechtigkeit, für Güte und Verstehn,
für Einheit in der Verschiedenheit, für Wunder, die wir sehn (G.B. 2015)


Memorial and Place of Encounter Bonhoeffer-Haus Berlin
www.bonhoeffer-haus-berlin.de

So much strength to resist! Read Bonhoeffer in critical time (12)
Pentecost, May 31, 2020

Since the beginning of May, small groups of up to 5 people can visit the Bonhoeffer House. This corresponds to the state regulations for museums and memorials. In addition, we keep the house “open” through the weekly blogs, in which we put Bonhoeffer texts in the historical and current context for each Sunday through Trinitatis Sunday with the aspect: »How do political resistance and mental strength to resist (resilience) belong together?« In these days, when opponents of vaccination, supporters of conspiracy theories and other anti-democrat activists claim the term “resistance” for themselves, it is all the more important–in complete contradiction to this–to per-ceive Bonhoeffer’s life and thinking in resistance as help for strengthening and clarifying.

With warm regards and good wishes
Gottfried Brezger, chairman


PENTECOST: “In a way we accommodate God and the whole world within us.”


TEXT
Letters and Papers from Prison, DBW, volume 8

June 8, 1943, Karl Bonhoeffer to Dietrich in the Prison (DBW vol. 8,100)
We had actually hoped to have a letter from you yesterday or the day before. Since none has arrived today, I decided to write to you without waiting any longer: we hope that the delay is not caused by any health problems on your part. We cannot complain about our own health. Our life essentially goes in thoughts of you and Hans [v. Dohnanyi].

June 10, 1943, Paula Bonhoeffer to Dietrich (DBW vol. 8,101)
My brief note added to Papa’s letter should not be the only Pentecost greeting from me. I firmly trust that, even in your solitude, you will be able to celebrate a beautiful Pentecost, for you are, of course, not alone. You do know that all of us are gathered around you in our thoughts. Together let us remember the old Pentecost hymn that says: “Descend on us in fullness, until comfort may return, and all harm be overcome.” [O Holy Spirit, enter in] In the garden a peony [Pfingstrose] is actually about to bloom for Pentecost, the first time ever.
The letter of the fourth [Ascension Day] has just arrived. We had been awaiting it eagerly. It is al-ways a joy for us to see how your inner calling as a pastor and theologian is being confirmed for you, even in these hard times.

April 2, 1944, Dietrich to Eberhard (DBW vol. 8,337)
So Easter too will come and go without our being home and seeing each other [ E.B. was with the Army in Italy at that time) But I’m not putting off our hopes any further than Pentecost. What do you say to that?

May 24, 1944, Dietrich to Eberhard and Renate Bethge (DBW vol. 8,400)
I don’t know how to express my wishes to you for Pentecost except by using a word that I seldom speak. I wish you a blessed Pentecost, celebrated with God and with prayer; a Pentecost in which you feel the touch of the Holy Spirit; a Pentecost that will be for you, in the coming weeks and months, a rocher de bronce [rock of bronze] of memories. You need days you can look back on, not with the pain of having been deprived, but as a source of strength from something that en-dures. I’ve been trying to write you a few words on the ‘Daily Texts’, some of them today during the air raids, so they are a bit sketchy and not as well thought through as they should have been … Eberhard, does remembering Pentecost mornings in Finkenwalde still feel so good and signifi-cant for you too?

May 29, 1944, Dietrich to Eberhard (DBW 8,404)
I hope that despite the air raids you both are enjoying to the full the peace and the beauty of these warm, summery days of Pentecost. Inwardly, one learns gradually to put life-threatening things in proportion. Actually “put in proportion” sounds too negative, too formal or artificial or stoic. One should more correctly say that we just take in these daily threats as part of the totality of our lives. I often notice hereabouts how few people there are who can harbor many different things at the same time …Christianity, on the other hand, puts us into many different dimensions of life at the same time; in a way we accommodate God and the whole world within us. We weep with those who weep at the same time as we rejoice with those who rejoice. We fear (I’ve just been interrupt-ed again by siren, so I’m sitting outdoors enjoying the sun] for our lives, but at the same time we must think thoughts that are much more important to us than our lives …
Life isn’t pushed back into a single dimension, but is kept multidimensional, polyphonic. What a liberation it is to be able to think and to hold on to these many dimensions of life in our thoughts … One has to dislodge people from their one-track thinking – as it were, in “preparation for” or “ena-bling” faith, though in truth it is only faith that makes multidimensional life possible and so allows us to celebrate Pentecost even this year, in spite of the air raids.

June 8, 1944, Dietrich to Eberhard (DBW volume 8,424)
We had put off seeing each other again from Christmas to Easter to Pentecost, and one holiday after another passed by. But the next holiday will certainly belong to us; I no longer have any doubt about that.

CONTEXT

Dietrich Bonhoeffer learned from his family how to organize celebrations. So his mother is con-vinced that he will also succeed „in the loneliness“ of the prison cell in Tegel: „For you are, of course, not alone. You do know that all of us are gathered around you in our thoughts. Together let us remember the old Pentecost hymn that says: “Descend on us in fullness, until comfort may return, and all harm be overcome.” This ‚knowledge‘ also accompanies him in his last poem „By Powers of Good“.

The festivals in the church year not only structure church liturgy; for Bonhoeffer they are also sta-tions in his personal hope for release. After almost a year in prison, he wants to postpone his hope of returning home and seeing his friend Eberhard Bethge not “any further than Pentecost“.

A „blessed Pentecost“, he wishes Eberhard and Renate Bethge in his letter of May 24,1944, that it will be a „rock of memory“ for the coming weeks and months. At the same time, he reminds Eberhard of Pentecost mornings in Finkenwalde.

„One learns gradually to put life-threatening things in proportion.“ – this idea seems surprisingly topical to us in times of the pandemic. Even if, unlike Bonhoeffer in custody, we do not have to count on being exposed to the threat. But what does Bonhoeffer do with this thought? He uses the term „proportion“, which sounds „actually too negative, too formal or artificial ore stoic“, to con-structively: „We just take in these daily threats as part of the totality of our lives.”
Bonhoeffer notices in the prison “how few people there are who can harbor many different things at the same time” In contrast, he sets the Christian faith in which „life isn’t pushed back into a sin-gle dimension“, “ but is kept multidimensional, polyphonic“.

“In a way we accommodate God and the whole world within us.” And: “One has to dislodge people from their one-track thinking” — for me these two sentences illuminate Dietrich Bonhoeffer’s life and work in the light of the events of Pentecost. And in prayer and action they point the way to a non-religious understanding of the Christian message.

When God creates his world anew, the Church becomes then wide,
his power works spiritually, prepares us for the fight
for peace and justice in the world, let kindness, understanding be,
for unity-diversity, for miracles that we will see. (G.B., 2015)