Interdisziplinäres Symposium im Bonhoeffer-Haus am Samstag, 20. April 2024, 10-12.30 Uhr

„Wenn ‚geltendes Recht‘ sich als Unrecht erweist: Zur Rechtsgrundlage der Strafverfolgung von NS-Justiz“

Datum: Samstag, 20. April 2024, 10-12.30 Uhr, Matinée

Ort: Erinnerungs- und Begegnungsstätte, Bonhoeffer-Haus, Marienburger Allee 43, 14055 Berlin

 

Bei dem interdisziplinären Symposium im Bonhoeffer-Haus wirken mit:

Prof. Dr. Andreas Mosbacher, Richter am Bundesgerichtshof, Rechtsphilosophische Grundlagen

Dr. Tobias Korenke, Historiker,Erinnerung an die im Widerstand Ermordeten der Familie Bonhoeffer

Dr. Claudia Fröhlich, Historikerin, Fritz Bauers Plädoyer für eine Pflicht zum Widerstand im Unrechtsstaat

Gottfried Brezger, Pfarrer i. R. , Recht und Gerechtigkeit als Maßstab für das Handeln Gottes und der Menschen

 

In Kooperation mit dem Martin-Niemöller-Haus Dahlem und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V.

Anmeldung erbeten unter: www.bonhoeffer-haus-berlin.de/

„Du wirst noch einmal an mich denken“ – Lesung mit Dorothee Röhrig

Es war ein sehr dichter, intensiver Abend mit einer hoch konzentrierten Zuhörerschaft. Mit über 60 Zuhörenden waren der Ausstellungsraum und die angrenzende Bibliothek fast bis auf den letzten Platz besetzt. Dorothee Röhrig begann mit der persönlichen Bemerkung, wieviel es ihr aus der Dohnanyi-Familie bedeute, ihre Familiengeschichte gerade an diesem Ort, im Haus ihrer Urgroßeltern zu lesen. Auch die Familie ihrer Tochter und Verwandte aus der Großfamilie Bonhoeffer waren gekommen. Mit ihr im Gespräch war Tobias Korenke, Urenkel aus der Schleicher-Familie. Dass diese Familiengeschichte zugleich einmalig und doch auch exemplarisch für diese Zeit und der durch die Generationen fortwirkenden Traumata ist, das hat bei vielen einen starken Eindruck hinterlassen.

Lesung & Gespräch mit Dorothee Röhrig am Donnerstag, 19. Oktober, 19 Uhr, im Bonhoeffer-Haus

Liebe Freundinnen und Freunde des Bonhoeffer-Hauses,

wir freuen uns, dass wir zu der Veranstaltung, die im April nicht stattfinden konnte,
nun zum Donnerstag, 19. Oktober um 19 Uhr ins Bonhoeffer-Haus, Marienburger
Allee 43, 14055 Berlin, einladen können.

Lesung von Dorothee Röhrig, der Autorin der Neuerscheinung:
„‚Du wirst noch an mich denken‘. Liebeserklärung an eine schwierige Mutter“
im Gespräch mit Dr. Tobias Korenke
Datum: Donnerstag, 19. Oktober 2023, 19-21 UhrOrt: Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus, Marienburger Allee 43, 14055 Berlin

Dorothee Röhrig hat ihrem Buch ein Zitat ihrer Mutter zum Titel gegeben: „Du wirst noch an
mich denken“ und als Untertitel hinzugefügt: „Liebeserklärung an eine schwierige Mutter“.

Dazu schreibt die dtv Verlagsgesellschaft:
„Als Dorothee Röhrig auf ein altes Foto ihrer Mutter stößt, setzt sich ein Gedankenkarussell
in Bewegung. Was weiß sie über diese Frau, die 18 war, als ihr Vater Hans von Dohnanyi
hingerichtet wurde? Die nach dem Krieg versuchte, ihre traumatisierte Mutter Christine in
das Familienleben einzubetten – so wie die Autorin später selbst für ihre von Verlusten
gezeichnete Mutter da war.

Mit großer emotionaler Ehrlichkeit erzählt Dorothee Röhrig vom widersprüchlichen
Verhältnis zu ihrer Mutter und der Rolle der Frauen in einer außergewöhnlichen Familie.
Ein Nachdenken über die Ambivalenz der Gefühle und darüber, was es heißt, Teil einer
Familie zu sein, die jedem Einzelnen viel abverlangt.“

Die Traumatisierung der folgenden Generationen und die Frage, wie wir die starken Frauen in der
Familie, die im Widerstand nicht nur hinter, sondern neben ihren Männern gestanden haben,
stärker ins Blickfeld rücken können, beschäftigt uns im Bonhoeffer-Haus. Dies geschieht in
eindrücklicher Weise in Dorothee Röhrigs Buch, das gleich nach dem Erscheinen im Frühjahr
2023 den Sprung auf die Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher geschafft hat.

Dorothee Röhrig wird ihr Buch vorstellen im Gespräch mit dem stellvertretenden Vorsitzenden
im Bonhoeffer-Haus, Dr. Tobias Korenke, Enkel des ebenfalls ermordeten Rüdiger Schleicher.

 

Rezension

Dorothee Röhrig: >>Du wirst noch an mich denken<< Liebeserklärung an eine schwierige Mutter, München 2023, € 24,00

Im Geleitwort erzählt Dorothee Röhrig, wie sie 2020 in der Corona-Zeit in ihrer „Lebenskiste“ im Keller ein Foto findet, das ihre Mutter im Alter von 28 Jahren mit ihr zeigt, als sie ein zweijähriges Kind war. So beginnt eine spannend zu lesende Autobiographie. In den 10 Kapiteln ihrer Lebensgeschichte setzt sich die Autorin mit der Beziehung zu ihrer Mutter und deren Beziehung zu ihrer Mutter auseinander.

Aus der Sicht der Enkelin von Christine aus der Bonhoeffer-Familie und ihrem Mann Hans von Dohnanyi zeigt Dorothee Röhrig, wie die starken und zugleich verletzlichen Frauen der Familie im Widerstand gegen die NS-Tyrannei nicht nur hinter, sondern neben ihren Männern gestanden haben. Eindrücklich lenkt sie den Blick auf die traumatischen Folgen der Ermordung dieser Männer, die ihr Leben für das Weiterleben einer kommenden Generation (Dietrich Bonhoeffer) einsetzten und dabei, wie Hans von Dohnanyi, ihre Ehefrau mit den Kindern allein zurückließen. Und sie spricht an, was es für die Kinder und Enkel bedeutet, zu dieser Familie zu gehören, die sich ihrer – durch den Widerstand gegen den NS-Staat geprägten – Verpflichtung bewusst ist. Im Epilog schreibt Dorothee Röhrig, wie sie sich „befreit“ und “zum ersten Mal als Glied einer langen Familienkette“ erlebt.

Das Buch ist ein sehr persönliches Dokument. Der Autorin ist es gelungen, in ihrer Ernsthaftigkeit und journalistischen Professionalität den Lesenden eine empathische Sicht auf die Geschichte des Widerstands und seine Folgen zu eröffnen.

Gottfried Brezger, Bonhoeffer-Haus Berlin

Gespräch im Bonhoeffer-Haus am Donnerstag, 27. April 2023, 19-21 Uhr

Dorothee Röhrig, Enkelin des im Widerstand ermordeten Hans von Dohnanyi und seiner Frau Christine, geb. Bonhoeffer, kommt am Vortag ihrer Lesung bei der Leipziger Buchmesse ins Bonhoeffer-Haus. Das Buch, das gerade erst vor 6 Wochen erschienen ist, hat es bereits auf die Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher geschafft. Dorothee Röhrig rückt die starken Frauen in der Familie, die im Widerstand nicht nur hinter, sondern neben ihren Männern gestanden haben, ins Blickfeld.

Der Buchtitel ist ein Zitat ihrer Mutter: „Du wirst noch an mich denken“ und trägt den Untertitel: „Liebeserklärung an eine schwierige Mutter“.

Dazu schreibt die dtv Verlagsgesellschaft:

Als Dorothee Röhrig auf ein altes Foto ihrer Mutter stößt, setzt sich ein Gedankenkarussell in Bewegung. Was weiß sie über diese Frau, die 18 war, als ihr Vater Hans von Dohnanyi hingerichtet wurde? Die nach dem Krieg versuchte, ihre traumatisierte Mutter Christine in das Familienleben einzubetten – so wie die Autorin später selbst für ihre von Verlusten gezeichnete Mutter da war. Mit großer emotionaler Ehrlichkeit erzählt Dorothee Röhrig vom widersprüchlichen Verhältnis zu ihrer Mutter und der Rolle der Frauen in einer außergewöhnlichen Familie. Ein Nachdenken über die Ambivalenz der Gefühle und darüber, was es heißt, Teil einer Familie zu sein, die jedem Einzelnen viel abverlangt.

Dorothee Röhrig stellt ihr Buch vor im Gespräch mit dem stellvertretenden Vorsitzenden im Bonhoeffer-Haus, Dr. Tobias Korenke, Enkel des ebenfalls im Widerstand ermordeten Rüdiger Schleicher und seiner Frau Ursula, geb. Bonhoeffer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dorothee Röhrig,

Enkelin von Hans von Dohnanyi und Christine, geb. Bonhoeffer,

Autorin des Spiegel-Bestseller-Sachbuchs »Du wirst noch an mich denken«  Liebeserklärung an eine schwierige Mutter

Matinée im Bonhoeffer-Haus am Samstag, 22. April 2023, 11-13 Uhr

Vor achtzig Jahren, am 5. April 1943, wurden Dietrich Bonhoeffer und sein Schwager Hans von Dohnanyi mit seiner Frau Christine verhaftet. Damit begann für Dietrich und Hans die über zweijährige Haftzeit bis zu ihrer Ermordung am 9. April 1945.

Grund der Verhaftungen am 5. April 1943 war nicht die Beteiligung der Verhafteten an Vorbereitungen zum Putsch, die bereits zu Anschlägen geführt hatten, die fehlschlugen.

Diese Planungen konnten bis zum Anschlag am 20. Juli 1944 geheim gehalten werden.

Die Ermittlungen im Reichskriegsgericht und bei der Gestapo richteten sich gegen die Rettungsaktion von Juden, die von den Verhafteten zusätzlich zur Putschplanung unter dem Codewort „Unternehmen 7“ ausgeführt worden war.

Über diese historisch komplexen und dramatischen Zusammenhänge berichtet der Historiker und Publizist Dr. Winfried Meyer in einer Matinée in der Erinnerungs- und Begegnungsstäte Bonhoeffer-Haus am Samstag, 22. April, 11-13 Uhr. Thema: Hans von Dohnanyi: Putschplanung und Rettungsaktion für Juden („Unternehmen Sieben“).

Besuch aus Polen

Am 8. Juni 2022 besuchten uns, wie schon im Vorjahr, drei Professoren der Evangelical School of Theology, EWST, Wroclaw. Dr. Wojciech Szczerba, Dr. Marek Kucharski und. Dr. Piotr Lorek kamen nach Berlin, um im Rahmen des ERASMUS-Programms die Kooperation mit der Evangelischen Akademie zu Berlin und auch mit dem Bonhoeffer-Haus zu verstärken. Die Begleitgruppe des Bonhoeffer-Hauses war dabei durch Martina Dethloff, Viking Dietrich, Kurt Kreibohm, Ingrid Portmann und Gottfried Brezger vertreten.

Die Gäste aus Wroclaw berichteten lebendig und konkret über die vielfältigen Anstrengungen in ihrer Hochschule und in der Gesellschaft, den Geflüchteten aus der Ukraine nicht nur Unterkunft zu geben, sondern auch eine Perspektive in ihrer labilen Lebenssituation. Allein in der Jugendbegegnungsstätte Kreisau haben ca. 100 Geflüchtete Zuflucht und Lernmöglichkeiten gefunden.

Ein wichtiger Gesprächspunkt war die Beratung über ein Projekt, bei dem das Bonhoeffer-Haus partnerschaftlich mit der EWST verbunden ist. Im März 2022 wurde gemeinsam ein Antrag bei der EU-Kommission gestellt, über den noch nicht entschieden ist.
Der Titel des Projekts ist:
Bonhoeffer-Haus: „Wer hält stand?“
Zivilcourage lernen mit der Familie Bonhoeffer.

Das Projekt verfolgt das Ziel, im Haus die Ausstellung von 1987 zum Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers zu ergänzen, thematisch, indem die Beteiligung der Frauen in der Familie Bonhoeffer am Widerstand in den Blick gerückt wird, und medial, indem mit digitalen Mitteln der lokale Zugang am Ort und der globale Zugang weltweit ermöglicht wird.
Das Denken und Handeln Dietrich Bonhoeffers, begründet in den Beziehungen in der Familie, den Erfahrungen in der Ökumene und seinem Handeln aus dem Glauben heraus fordert auch heute heraus zur Zivilcourage. Die deutsch-polnische Partnerschaft öffnet den Blick für das gemeinsame Lernen und Handeln in unterschiedlichen Kontexten.

Gemeinsame Beratung der Teams der Bonhoeffer-Häuser in Friedrichsbrunn und in Berlin

Die beiden Bonhoeffer-Häuser, die Erinnerungs- und Begegnungsstätte in Berlin und das Ferienhaus der Familie in Friedrichsbrunn im Harz, haben viel gemeinsam: „bürgerliche Mündigkeit und Zivilität in Berlin und Freiraum des Lebens in Friedrichsbrunn ergänzen einander“ (Günter Ebbrecht).

Nach dem Besuch des Teams aus Berlin in Friedrichsbrunn im Juni 2018 kam nun am 7. Mai 2022 das Team aus Friedrichsbrunn nach Berlin. Beide Seiten waren froh, sich endlich wieder realpräsent begegnen zu können. In regem Gespräch wurden Erfahrungen mit den Besuchenden und Ideen und Perspektiven für die zukünftige Arbeit ausgetauscht.
In beiden Häusern kommt die Arbeit, die ausschließlich ehrenamtlich geschieht, an ihre Grenzen, zumal neue Herausforderungen, wie die stärkere Einbeziehung digitaler Medien, zu bewältigen sind.

Die Begegnung der beiden Teams ist eine gute Grundlage für das gemeinsame Weiterdenken, wie die Geschichte Dietrich Bonhoeffers und seiner Familie und ihrer Zivilcourage für ganz unterschiedliche Gruppen und Fragestellungen in der Gesellschaft lebendig erhalten werden kann.

Zum 77. Todestag Dietrich Bonhoeffers am 9. April: „Die Wiederherstellung einer echten weltlichen Ordnung unter Gottes Gebot“ – Friedensziele für die Zeit nach dem Ende des NS-Staats.

An Geburtstage zu denken, ist wichtig, besonders von Menschen, die uns viel bedeuten. Noch wichtiger aber scheint mir die Erinnerung an den Todestag zu sein, insbesondere bei Menschen, die ihr Leben im Widerstand verloren haben. Der Geburtstag gehört zu dieser einen Person, der Todestag aber verbindet sie mit all denen, die mit ihr den schweren Weg gegangen sind. Dies gilt besonders auch für die Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer und die andern, die verfolgt und die unmittelbar vor dem Ende der Tyrannei ermordet worden sind.

 

In diesen Tagen, in denen der Krieg in der Ukraine mit dem Leiden der Menschen im Land  und im Exil und mit der Bedrohung weiterer Länder in Europa unsere Gedanken besetzt hält, kann es hilfreich sein, an die historischen und politischen Grundlagen der europäischen Friedensordnung, die Putin ein Dorn im Auge ist, zu erinnern. Zu ihren Wurzeln gehören die Entwürfe der ‚Kreisauer‘ und der ‚Freiburger‘. Sie riskierten ihr Leben im Widerstand gegen den nationalsozialistischen Unrechts- und Willkürstaat, als sie mitten im Krieg (1942/43) an den Zielen einer Friedensordnung nach dem Krieg arbeiteten. Leitender Gedanke war die Überwindung der Gefahren des Nationalismus durch eine Verteilung der im Nationalstaat bedrohlich konzentrierten Machtfülle nach unten und nach oben: durch eine infranationale Struktur des Föderalismus mit dem Prinzip der Subsidiarität und eine supranationale Struktur eines souveränen europäischen Staatenbunds. Entscheidend war dabei die Herstellung einer dauerhaften Rechtsordnung nach der Entwaffnung der Tyrannen. Der gegen alle nationalistischen Widerstände zu errichtende Rechtsstaat wurde als die Voraussetzung und Grundlage für die Verantwortung des Einzelnen im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereich angesehen. Dazu gehörten in der vom Nationalsozialismus befreiten neuen Gesellschaft als oberste Bildungsziele Rechtsstaatlichkeit zum Schutz der persönlichen Entfaltung und der Aufbau demokratischer Strukturen.

 

Auch Dietrich Bonhoeffer hat sich an der Diskussion um die Friedensziele beteiligt. Von einer  Klärung der Friedensbedingungen der Alliierten für den Fall eines möglichen Umsturzes in Deutschland hing für alle, die konspirativ darauf hinarbeiteten, das Gelingen ihrer Planungen ab. Dietrich Bonhoeffer war aufgrund seiner ökumenischen Beziehungen, insbesondere mit Bischof George Bell, dafür prädestiniert, diese Klärung voranzutreiben. In England hatte sich in kirchennahen Kreisen eine Diskussion über die Vorstellungen für ein ‚neues Europa‘ nach dem Krieg entwickelt. Im Juli 1941 hatte William Paton als Sprecher eines Gesprächskreises mit hochrangigen kirchlich, gesellschaftlich und politisch Verantwortlichen einen Friedensentwurf publiziert mit dem Thema „The Church and the New Order“.[1]

Auf einzelne Punkte dieses Entwurfs antwortete Dietrich Bonhoeffer während seiner zweiten Schweizer Reise (28. August – 26. September 1941) zusammen mit Willem A. Visser’t Hooft, dem Generalsekretär des im Aufbau befindlichen Ökumenischen Rats der Kirchen in Genf. Als eine „hochpolitische Buchbesprechung“ bezeichnet Eberhard Bethge[2]  dieses Memorandum aus Genf. Bei den Ausführungen zu Patons 4. Kapitel („The ideal and the next steps“) konkretisiert Dietrich Bonhoeffer in seinem Entwurf die Friedensziele:

 

„Es kommt darauf an, ob in Deutschland eine staatliche Ordnung verwirklicht wird, die sich den Geboten Gottes verantwortlich weiß. Das wird sichtbar werden an der restlosen Beseitigung des NS-Systems einschließlich und speziell der Gestapo, an der Wiederherstellung der Hoheit des gleichen Rechtes für alle, an einer Presse, die der Wahrheit dient, an der Wiederherstellung der Freiheit der Kirche, das Wort Gottes in Gebot und Evangelium aller Welt zu predigen.“[3]

 

Bonhoeffer widerspricht einer „Aufteilung des Wirklichkeitsganzen in einen sakralen und einen profanen“ Bezirk (Ethik, DBW 6, S.42) und fordert damit das historisch in der Aufklärung begründete säkulare Weltverständnis heraus. Auch die ‚Kreisauer‘ und die ‚Freiburger‘ formulieren einen Gottesbezug in ihren Vorstellungen für eine Friedensordnung. Bonhoeffer sucht allerdings die Grundlage der Rechtsordnung explizit nicht im Ideal des Persönlichkeitsrechts des Individuums oder der Menschenrechte, sondern in Gottes Geboten zum Schutz des Andern, der in Gottes Andersheit (1. Gebot) und im göttlichen Gewaltmonopol verbürgt ist und in Christus als dem ‚Menschen für Andere‘ erfahren werden kann. „Wer sich zu der Wirklichkeit Jesu Christi als der Offenbarung Gottes bekennt, der bekennt sich im selben Atemzug zu der Wirklichkeit Gottes und zu der Wirklichkeit der Welt; denn er findet in Christus Gott und die Welt versöhnt.“[4]

 

Was bedeutet heute dieses christliche Bekenntnis im interreligiösen Dialog angesichts der religiös-kulturellen Pluralität für die Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit in Europa? Auf welchem normativen Fundament kann das „gemeinsame Haus Europa“ in stürmischen Zeiten bestehen und auch den imperialen kriegerischen Angriffen der „Russki Mir“[5] („Russische Welt“) standhalten? Sicher nicht nur durch die Demonstration militärischer Stärke nach außen, sondern grundlegend durch die innere Stärkung des Zivil-, Staats- und Völkerrechts. Wenn die Würde ‚des Anderen‘ geachtet, geschützt und deren Verletzungen durch Aggression, Hass, Missachtung und Ausschluss auch sanktioniert werden soll, ist Offenheit, Lernwilligkeit und Dialogbereitschaft der Weg der Empathie und Solidarität in der unversöhnten Welt,   zusammengefasst im Liebesgebot. Die Verwirklichung dieses Gebots Gottes, das seine versöhnende Kraft in Christi Wort und Tat erweist, erfuhr Dietrich Bonhoeffer in der Ökumene, in der „universalen christlichen Bruderschaft, die sich über alle nationalen Hassgefühle erhebt“[6].

 

Gottfried Brezger, Pfarrer i.R., Vorsitzender des Vorstands

Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus e.V., Berlin

 

Literaturhinweis:

Die Botschaft eines Zeugen.

Ein Dokument des Widerstands und der Ökumene:

Dietrich Bonhoeffer und W.A. Visser’t Hooft antworten auf William Patons Friedensentwurf („The Church and the New Order“, July 1941)

Gottfried Brezger: Jahrbuch für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte. Jahrgang 73/2021, S.230-262.

 

„Die Wiederherstellung einer echten weltlichen Ordnung unter Gottes Gebot“ – Friedensziele für die Zeit nach dem Ende des NS-Staats: Dietrich Bonhoeffer: Gedanken zu William Patons Schrift „The Church and the New Order in Europe“, in: Das Zeugnis eines Boten, S. 10, Neuauflage in der Sonderausgabe 2020 des Bonhoeffer-Rundbriefes, ibg, Dezember 2020, mit einem Vorwort von Christian Löhr und einem Grußwort von Joan Sauca, eingeleitet von Gernot Gerlach und Hartmut Rosenau, S. 29 f.

Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 16: Konspiration und Haft. 1940-1945. Herausgegeben von Jørgen Glenthøj, Ulrich Kabitz und Wolf Krötke. (DBW 16), München 1996, 540.

[1] William Paton: The Church and the New Order, Gateshead on Tyne, July 1941

[2] Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, München 1970, S. 829-833.

[3] S. Fußnote 1.

[4] Dietrich Bonhoeffer, Ethik, DBW 6.47f.

[5] Aufhorchen lässt heute die Formulierung in Bonhoeffers Entwurf der Antwort auf Paton in der Erwartung des Siegs der Alliierten über das nationalsozialistische Deutschland: „Nicht der Pangermanismus, sondern der Panslawismus ist die kommende Gefahr“. Im gemeinsam mit Visser’t Hooft verfassten Memorandum steht dazu: „Selbst wenn wir das britisch-russische Bündnis als zu rechtfertigende und unvermeidliche politische Entscheidung betrachten können, dürfen wir die Gefahr nicht bagatellisieren, die Russland für alles, was uns wert ist, darstellt.“ (DBW 16, S. 549 / S. 807, Übersetzung)

[6] Dietrich Bonhoeffers letzte Worte, eine Botschaft an Bischof George Bell, DBW 16, S.468.

 

Besuch aus Brüssel

Katharina von Schnurbein, seit 2015 die erste Antisemitismusbeauftragte der Europäischen Kommission in Brüssel, hat anlässlich ihrer Mitwirkung beim Gedenkforum zum 80. Jahrestag der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 das Bonhoeffer-Haus besucht.

Wir haben uns gefreut über den regen Austausch der Gedanken über die aktuelle Bedeutung des Denkens und Handelns Dietrich Bonhoeffers in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus. „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“ hat sie in unser Gästebuch geschrieben. Frau von Schnurbein ist sehr gut informiert über die Geschichte und Bedeutung Dietrich Bonhoeffers, nicht zuletzt durch die Begegnung mit Laura M Fabrycky in Brüssel und die Lektüre ihres Buchs ‚Schlüssel zu Bonhoeffers Haus‘. Sie zeigte sich erfreut über das ehrenamtliche Engagement im Haus und machte uns aufmerksam auf Förderprogramme der Europäischen Kommission unter den Aspekten Citizens, Equality, Rights and Values (CERV).

Katharina von Schnurbein am 19. Januar 2022 vor der 1. Tafel der Ausstellung im Bonhoeffer-Haus: Berliner Orte mit einem Bezug zu Dietrich Bonhoeffer.

Wir haben ihre Anregung aufgenommen und sind dabei zu prüfen, ob die Ausschreibungsbedingungen eines der verschiedenen Programme passen könnten zu unserer vordringlichen Zielsetzung: Ergänzung der Besuche im Haus durch Digitalisierung der weltweiten Erinnerung und Begegnung mit dem Widerstand Dietrich Bonhoeffers im Kontext seiner Familie.

Gottfried Brezger

„Schlüssel zu Bonhoeffers Haus“ – Zoom-Gespräch mit der Autorin Laura M. Fabrycky in Washington D.C. / USA

Zoom-Gespräch mit der Autorin Laura M. Fabrycky in Washington D.C. / USA am 4. Februar, 18 Uhr, zum 116. Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer.

Laura M. Fabrycky war von 2016-2018 Mitglied des Begleit-Teams in der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus, Marienburger Allee 43 in Berlin.

Wir laden ein zum digitalen Live-Gespräch (in Englisch) und Auszügen aus ihrem Buch (in Deutsch) und bitten um Anmeldung unter brezger@bonhoeffer-haus-berlin.de

„Wie ich Welt und Weg Dietrich Bonhoeffers entdeckte“ („Exploring the world and wisdom of Dietrich Bonhoeffer“) ist der Untertitel des Buchs. Der ihr überlassene Schlüssel zum Haus wird für Laura zum Auftrag, auch anderen Menschen einen Schlüssel in die Hand zu geben, um ihre eigenen Fragen und Erfahrungen mit dem Leben und Denken Dietrich Bonhoeffers in Verbindung zu bringen: „Wenn auch kein einziger Aspekt meines Lebens dem Bonhoeffers glich, war das Bonhoeffer-Haus doch Zeugnis menschlicher Erfahrungen, die ich aus meinem eigenen Alltag kannte“ (32). Das 2021 im Gütersloher Verlag erschienene Buch, mit einer kurzen Chronologie zum Leben Dietrich Bonhoeffers und ausführlichen Anmerkungen versehen, ist keine Biographie; es ist die Erzählung von persönlichen Erfahrungen. Laura betont einzelne Aspekte im Leben und Denken Bonhoeffers und nimmt uns mit auf ihren Weg mit ihm.