In diesen Zeiten wichtiger denn je…

Familienfoto auf der Terrasse des heutigen Bonhoeffer-Hauses

Das Foto, aufgenommen auf der Terrasse des Alterswohnsitzes von Paula und Karl Bonhoeffer in der Berliner Marienburger Allee 43, der heutigen Erinnerungs- und Begegnungsstätte „Bonhoeffer-Haus“, zeigt die Geburtstagsgesellschaft. Dietrich ist ganz links zu sehen. Fünf Tage später wird Dietrich Bonhoeffer in diesem Haus von der Gestapo verhaftet.

Am 4. Februar feiern wir Dietrich Bonhoeffers 120. Geburtstag. Leben und Werk des Theologen und Widerstandskämpfers sind ohne seine Familie nicht zu denken. Ende März 1943 kam sie aus Anlass des 75. Geburtstags von Karl Bonhoeffer (sitzend, 2. v.r.) ein letztes Mal zusammen.

Das Fest muss für alle wie ein kurzes Licht in langer, dunkler Nacht gewesen sein. Noch viele Jahre später sprachen Gäste über die von den Enkeln aufgeführte Kindersymphonie von Joseph Haydn, das feierliche Mahl und über angeregte Gespräche bis in den späten Abend hinein. Heile Welt – aber nur auf den ersten Blick. Die Gesichter der Festgesellschaft verraten, dass die Stimmung alles andere als unbeschwert war. Diktatur, Krieg und Verfolgung hatten einen dunklen Schatten über die Versammelten gelegt. Dietrichs Zwillingsschwester Sabine, ihr Mann Gerhard Leibholz und ihre Kinder konnten schon nicht mehr dabei sein. Sie hatten bereits 1938 wegen „Gerds“ jüdischer Herkunft das Land verlassen. Auch viele Freunde waren ins Exil gegangen. Einen Monat vor dem Fest waren in einer Razzia die bis dahin von der Deportation verschonten letzten Berliner Juden verhaftet worden. Die Familie hatte das alles sehr genau wahrgenommen; sie wusste auch Bescheid über die Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern. Dietrich Bonhoeffer (ganz links) und vor allem sein Schwager Hans von Dohnanyi (nicht auf dem Bild) waren an Aktivitäten beteiligt, Menschen, die als Juden verfolgt wurden, ist rettende Ausland zu bringen.

Als das Foto entstand, war die Familie wegen ihrer oppositionellen Haltung zum Nationalsozialismus schon längst ins Fadenkreuz der Gestapo gerückt. Kurze Zeit später schlug das NS-Regime dann auch brutal zu. Dietrich Bonhoeffer wurde fünf Tage nach der Aufnahme im Haus seiner Eltern verhaftet. Auch seine Schwester Christine (neben Dietrich) und seinen Schwager Hans von Dohnanyi holte die Gestapo am 5. April 1943 ab. Nach dem fehlgeschlagenen Attentat des 20. Juli 1944 wurden auch Dietrichs älterer Bruder Klaus (2. Reihe, 4. v.r.), sein Schwager Rüdiger Schleicher (kahl im Zentrum) und sein Freund Eberhard Bethge (r. neben Christine) verhaftet. Dietrich und Klaus Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher wurden wegen ihres Widerstands gegen die Diktatur zum Tode verurteilt und noch im April 1945, wenige Tage vor Befreiung durch die Alliierten, ermordet.

Das Haus der Eltern Paula und Karl Bonhoeffer war der Mittelpunkt der Familie und des großen Freundeskreises. Hier wurde gearbeitet und musiziert, diskutiert und gestritten, gefeiert und getrauert, gelacht und geweint. Wann immer Dietrich Bonhoeffer in Berlin war, lebte er in der Marienburger Allee. Teile seines unvollständig gebliebenen Buches Ethik schrieb er im Mansardenzimmer. Und nicht zuletzt fanden hier zahlreiche konspirative Treffen von ganz unterschiedlichen Gegnern der Nationalsozialisten statt.

Gibt es einen besseren Ort, um darüber nachzudenken, wie wir miteinander leben wollen, welche Werte uns leiten und wie wir uns für Rechtsstaat und Demokratie einsetzen können? Gibt es einen geeigneteren Ort, um zu verstehen, was „Kirche für andere“ und was Christsein heute bedeuten? Gibt es einen einprägsameren Ort, um Entscheidendes über die Gefahren des politischen Extremismus, des Nationalismus und jeder Ausgrenzung von Menschen zu lernen?

Wer jemals dieses Haus besucht hat und seinen besonderen Geist auf sich wirken ließ, versteht, dass wir diesen Ort brauchen – in Zeiten, in denen Rechtsstaat und Demokratie so bedroht sind wie nie seit 1945, vielleicht dringender denn je. Jedes Jahr kommen tausende Menschen aus aller Welt in die Marienburger Allee, um die Haltung, aus der heraus die Bonhoeffers Widerstand leisteten, zu begreifen und daraus für ihr eigenes Leben etwas mitzunehmen. Sie lassen sich von der Ausstellung anregen, bringen sich in den zahlreichen Veranstaltungen ein oder suchen das stille Gebet im Studierzimmer Dietrich Bonhoeffers.

Die Evangelische Kirche in Berlin hat vor Jahrzehnten das Haus gekauft und hier eine Erinnerungs- und Begegnungsstätte, die Geist und Haltung der Familie Bonhoeffer dokumentiert und weitergibt, eingerichtet. Ein engagiertes Team Ehrenamtlicher erfüllt das Haus seit knapp vier Jahrzehnten mit Leben. Ein gemeinnütziger Verein verantwortet die Arbeit, organisiert die Führungen durch die Ausstellung, konzipiert Seminare und lädt zu Lesungen und Vorträgen ein. Erstmalig in der Geschichte des Hauses begleitet seit einem guten Jahr ein hauptamtlicher Mitarbeiter die Arbeit. Er koordiniert einen umfangreichen Entwicklungs- und Professionalisierungsprozess und bringt selber zahlreiche Projekte auf den Weg.

Doch diese so wichtige Arbeit wird nicht fortgesetzt oder womöglich ausgebaut werden können, wenn es nicht gelingt, weitere Ressourcen zu gewinnen. Das Bonhoeffer-Haus erhält keine dauerhaften, strukturellen Förderungen. Deshalb bitten wir um Ihre Unterstützung: Werden Sie Fördermitglied des Vereins oder helfen Sie mit einer Spende. Wenn Sie dem Haus zu seinem nächsten Kapitel verhelfen wollen und in größerem Umfang unterstützen können, sprechen Sie den Vorstand gerne jederzeit an.

Porträt Tobias Korenke

Dr. Tobias Korenke
Großneffe Dietrich Bonhoeffers und stellvertretender Vorsitzender des Trägervereins im Bonhoeffer-Haus

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