So viel Widerstandskraft ! Bonhoeffer lesen in kritischen Zeiten (9) Zum Sonntag ROGATE, 17. Mai 2020

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Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus

www.bonhoeffer-haus-berlin.de

 

Seit dem 4. Mai können kleine Gruppen bis zu 5 Personen das Bonhoeffer-Haus besuchen. Darüber hinaus halten wir das Haus „offen“ durch blogs, in denen wir für jeden Sonntag bis Trinitatis einen Bonhoeffer-Text in den historischen und aktuellen Kontext stellen unter dem Aspekt: »Wie gehören politischer Widerstand  und seelische Widerstandskraft zusammen?« 

In diesen Tagen, in denen Impfgegner, Anhänger von Verschwörungstheorien und andere de-mokratiefeindliche Aktivisten den „Widerstandsbegriff“ für sich reklamieren, ist es umso wichti-ger, - völlig im Widerspruch zu diesen - Bonhoeffers Leben und Denken im Widerstand wahr-zunehmen als Hilfe zur Stärkung und Klärung. 

 

Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen 

Gottfried Brezger

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ROGATE („Betet!“): „Herr lehre uns beten!“ Lukas 11,1

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TEXT A (aus „Das Gebetbuch der Bibel“, 1940, DBW 5, 103 ff.)

 

„Herr, lehre uns beten!“ So sprachen die Jünger zu Jesus. Sie bekannten damit, dass sie von sich aus nicht zu beten vermochten. Sie mussten es lernen. Beten-lernen, das klingt uns wider-spruchsvoll. Entweder ist das Herz so übervoll, dass es von selbst zu beten anfängt, sagen wir, oder es wird nie beten lernen. Das ist aber ein gefährlicher Irrtum, der heute freilich weit in der Christenheit verbreitet ist, als könne das Herz von Natur aus beten. Wir verwechseln dann Wünschen, Hoffen, Seufzen, Klagen, Jubeln – das alles kann das Herz ja von sich aus – mit Beten. Damit aber verwechseln wir Erde und Himmel, Mensch und Gott. Beten heißt ja nicht einfach das Herz ausschütten, sondern es heißt, mit seinem erfüllten oder auch leeren Herzen den Weg zu Gott zu finden und mit ihm reden. Das kann kein Mensch von sich aus, dazu braucht er Jesus Christus … 

Wenn er uns mit in sein Gebet hineinnimmt, wenn wir sein Gebet mitbeten dürfen, wenn er uns auf seinem Wege zu Gott mit hinaufführt und uns beten lehrt, dann sind wir von der Qual der Gebetslosigkeit befreit. … Nur in Jesus Christus können wir beten, mit ihm werden auch wir erhört … 

Wollen wir mit Gewissheit und Freude beten, so wird das Wort der Heiligen Schrift der feste Grund unseres Gebetes sein müssen. Hier wissen wir, dass Jesus Christus, das Wort Gottes, uns beten lehrt. Die Worte, die von Gott kommen, werden die Stufen sein, auf denen wir zu Gott finden …

Jesus Christus hat alle Not, alle Freude, allen Dank und alle Hoffnung der Menschen vor Gott gebracht. In seinem Munde wird das Menschenwort zum Gotteswort, und wenn wir sein Gebet mitbeten, wird wiederum das Gotteswort zum Menschenwort …

Auf die Bitte der Jünger hat Jesus ihnen das Vaterunser gegeben. In ihm ist alles Beten enthal-ten. Was in die Bitten des Vaterunsers eingeht, ist recht gebetet, was in ihnen keinen Raum hat, ist kein Gebet. Alle Gebete der Heiligen Schrift sind im Vaterunser zusammengefasst … So wird das Vaterunser zum Prüfstein dafür, ob wir im Namen Jesu Christi beten oder im eigenen Na-men. Es hat darum guten Sinn, wenn der Psalter in unser Neues Testament meist mit hineinge-bunden wird. Er ist das Gebet der Gemeinde Jesu Christi, er gehört zum Vaterunser.

Dietrich Bonhoeffer, aus der Einleitung zu: Das Gebetbuch der Bibel. Eine Einführung in die Psalmen, 1940, Dietrich Bonhoeffer-Werke, DBW 5, 103 ff.

 

TEXTE B (aus „Widerstand und Ergebung, Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 8)

 

Vom ersten  Aufwachen bis zum Einschlafen müssen wir den anderen Menschen ganz und gar Gott befehlen und ihm überlassen, und aus unseren Sorgen um den Andren Gebete für ihn werden lassen.

Heilig Abend 1943 an Eberhard Bethge. DBW 8, 256.

 

MORGENGEBET

Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen

hilf mir beten und meine Gedanken sammeln;

ich kann es nicht allein.

In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht

ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht

ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe

ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden

in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld

ich verstehe deine Wege nicht aber du weißt den [rechten] Weg für mich.

Gebete für Gefangene für Morgen, Abend und besondere Not, auf Bitte des Gefängnispfarrers Harald Poelchau von Dietrich Bonhoeffer im November 1943 aufgeschrieben, DBW 8, 204 ff.

 

[Ich muss] einmal mit Dir über das Gebet in der Not sprechen. Es ist eine schwierige Sache und doch ist das Misstrauen, mit dem wir es bei uns selbst begleiten, vielleicht auch nicht gut …  Ich will nicht mehr darüber sagen, das geht nur mündlich, - aber es ist eben doch so, dass die Not kommen muss, um uns aufzurütteln und ins Gebet zu treiben, und ich empfinde das je-desmal als beschämend, und es ist es auch. Vielleicht liegt es daran, dass es mir in einem sol-chen Augenblick bisher unmöglich gewesen ist, den anderen ein christliches Wort zu sagen. Als wir gestern abend [bei Bombenangriffen] wieder auf dem Fußboden lagen und einer ver-nehmlich: „ach Gott, ach Gott!“ rief – sonst ein sehr leichtfertiger Geselle – brachte ich es nicht über mich, ihn irgendwie christlich zu ermutigen und zu trösten, sondern ich weiß, dass ich nach der Uhr sah und nur sagte: „es dauert höchstens noch 10 Minuten. Das geschah nicht mit Überlegung, sondern von selbst und wohl aus dem Gefühl heraus, diesen Augenblick nicht zu religiösen Erpressungen benutzen zu dürfen. 

Brief an Eberhard Bethge, 29./31. Januar 1944, DBW 300f.

 

Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott, d.h. er bleibt der Herr der Erde, er erhält seine Kirche, er schenkt uns immer neuen Glauben, er legt uns nie mehr auf, als wir tragen können, macht uns seiner Nähe und Hilfe froh, erhört unsere Gebete und führt uns auf dem besten und geradesten Wege zu sich. Indem Gott dies gewiss tut, schafft er sich durch uns Lob. 

Brief vom 14. August 1944 zum Geburtstag von Eberhard Bethge am 28. August. DBW 8, 569.

 

KONTEXT

 

In der Einleitung zum „Gebetbuch der Bibel“ entfaltet Dietrich Bonhoeffer sein christozentri-sches Verständnis des Gebets, das zu Christus hin führt und von ihm her kommt. Christus wird als das eine Wort Gottes im Menschenwort erkannt und bekannt (vgl. Theologische Erklärung der Barmer Bekenntnissynode vom 31. Mai 1934, These 1).

 

Die Ausschließlichkeit des Bekenntnisses zu Christus erfahren Juden im christlich-jüdischen Dialog und Menschen, die einer anderen oder keiner Religion angehören, als Vereinnahmung oder gar als Ausschluss. Dietrich Bonhoeffer fragt in seinem Brief an Eberhard Bethge vom 30. April 1944: „Wie kann Christus der Herr auch der Religionslosen werden?“

 

Dabei geht es nicht um das Ausschließen der „Andern“ (das zeigt auch das Gedicht „Christen und Heiden“ mit dem Schluss: „und vergibt ihnen beiden“), sondern um das Aufschließen der Türen, die uns trennen. Bonhoeffers Frage ist ein Widerhall der paulinischen Botschaft von der Überwin-dung des Zauns zwischen dem jüdischen Volk und den anderen Völkern „in Christus Jesus“ (Ga-laterbrief 3,28; Epheserbrief 2,11 ff.). Der Gekreuzigte ist als der Auferstandene „der Friede“. „Je-sus Christus hat alle Not, alle Freude, allen Dank und alle Hoffnung der Menschen vor Gott ge-bracht.“ Das „Herr“-Sein Christi ist als dialektisch-dynamische Umkehr („Metanoia“) zu verstehen: Wenn wir uns „in den Weg Jesu mithineinreißen lassen“, „in das – messianische – Leiden Gottes in Jesus Christus“ (Brief vom 18. Juli 1944 an Eberhard Bethge), wird er uns aus der Enge unse-rer „eigenen Nöte, Fragen, Sünden, Ängste“ befreien und hineinnehmen in die Weite seines Ge-bets, damit Gottes Wille geschehe, „wie im Himmel, so auf Erden“. 

 

Wenn Christus, das „Brot des Lebens“ (Johannes 6,35) mit uns betet, wird aus der Bitte um „unser täglich Brot“ die Bitte um die Bewahrung des Lebens auch der Andern, wo auch immer. 

 

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Memorial and Place of Encounter Bonhoeffer-Haus Berlin

www.bonhoeffer-haus-berlin.de

 

So much strength to resist ! Read Bonhoeffer in critical time (9)

May 17, 2020

 

Since May 4th, small groups of up to 5 people can visit the Bonhoeffer House. This corre-sponds to the state regulations for museums and memorials. In addition, we keep the house “open” through the weekly blogs, in which we put Bonhoeffer texts in the historical and current context for each Sunday through Trinitatis Sunday with the aspect: »How do political resistance and mental strength to resist (resilience) belong together?« In these days, when opponents of vaccination, supporters of conspiracy theories and other anti-democrat activists claim the term “resistance” for themselves, it is all the more important - in complete contradiction to this - to perceive Bonhoeffer's life and thinking in resistance as help for strengthening and clarifying. 

 

With warm regards and good wishes 

Gottfried Brezger, chairman

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ROGATE: “Lord, teach us, to pray!” Praying along with Christ

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TEXT A 

 

“Lord, teach us to pray!” So spoke the disciples to Jesus. In doing so, they were acknowledging that they were not able to pray on their own: they had to learn. »To learn to pray« sounds con-tradictory to us. Either the heart is so overflowing that it begins to pray by itself, we say, or it will never learn to pray. But this is a dangerous error, which is certainly very widespread among Christians today, to imagine that it is natural for the heart to pray. We then confuse wishing, hoping, sighing, lamenting, rejoicing – all of which the heart can certainly do on its own – with praying. But in doing so we confuse earth and heaven, human being and God. Praying certain-ly does not mean simply pouring out one’s hart. It means, rather, finding the way to and speak-ing with God, whether the heart is full or empty. No one can do that on one’s own. For that one needs Jesus Christ …

If Christ takes us along in the prayer which Christ prays, if we are allowed to pray this prayer with Christ, on whose way to God we too are led and by whom we are taught to pray, then we are freed from the torment of being without prayer … We can pray only in Jesus Christ, with whom we shall also be heard …

God’s speech in Jesus Christ meets us in the Holy Scriptures. If we want to pray with assur-ance and joy, then the word of Holy Scripture must be the firm foundation of our prayer. Here we know that Jesus Christ, the Word of God, teaches us to pray. The words that come from God will be the steps on which we find our way to God …

Jesus Christ has brought before God every need, every joy, every thanksgiving, and every hope of humankind. In Jesus’ mouth the human word becomes God’s Word. When we pray along with the prayer of Christ, God’s Word becomes again a human word. Thus all prayers of the Bible are such prayer, which we pray together with Jesus Christ, prayers in which Christ includes us, and through which Christ brings us before the face of God. Otherwise there are no true prayers, for only in and with Jesus Christ can we truly pray …

At the request of the disciples, Jesus gave them the Lord’s Prayer. In it every prayer is con-tained. Whatever enters into the petitions of the Lord’s Prayer is prayed aright; whatever has no place in it, is no prayer at all. Al the prayers are summed up in the Lord’s Prayer ... Luther says of the Psalter: “It runs through the Lord’s Prayer and the Lord’s Prayer runs through it, so that is possible to understand one on the basis of the other and to bring them into joyful harmony.” The Lord’s Prayer thus becomes the touchstone for whether we pray in the name of Jesus Christ or in our own name. It makes good sense, that the Psalter is very often bound together with the New Testament. It is the prayer of the church of Jesus Christ. It belongs to the Lord’s Prayer.

Dietrich Bonhoeffer, Prayerbook of the Bible. An Introduction to the Psalms, 1940, DBW, Vol. 5.

 

 

 

TEXTS B (from: Dietrich Bonhoeffer, Letters and Papers from Prison, volume 8)

 

From first awakening until our return to sleep, we must commend and entrust the other person to God wholly and without reserve, and let our worries become prayer for the other person.

Christmas Eve 1943 to Eberhard Bethge. DBW 8, 256. 

 

MORNING PRAYER

God, I call to you early in the morning, 

Help me pray and collect my thoughts, I cannot do so alone.

In me it is dark, but with you there is light.

I am lonely, but you do not abandon me.

I am faint-harted, but from you comes my help.

I am restless, but with you is peace. 

In me is bitterness, but with you is patience.

I do not understand your ways, but you know [the] right way for me.

Dietrich Bonhoeffer, Prayers for Prisoners: Morning Prayer, November 1943, DBW 8, 194 ff. 

 

I should talk with you sometime about prayer in time of need. This is a difficult matter, yet our misgivings when praying for ourselves are perhaps not good either … I won’t say any more about this, I can only do that in person, but that’s the way it is; it takes a crisis to shake us up and drive us into prayer, and every time I find this shameful, and it is. Perhaps it’s because so far, as such moments, I’ve found it impossible to speak a Christian word to the others. Last night when we were lying on the floor again and one man called out aloud: »O God, O God!« – he’s otherwise a pretty frivolous fellow – I couldn’t bring myself to offer him any sort of Chris-tian encouragement and comfort, but I remember looking at the clock and just saying, it won’t last more than another ten minutes. I did this without thinking, automatically, probably with the feeling that I shouldn’t use it as an opportunity for religious blackmail. 

To Eberhard Bethge, January 29/31, 1944, DBW 8, 275 f.

 

God does not fulfill all our wishes but does keep all his promises. This means God remains Lord of the earth, preserves the church, renews our faith again and again, never gives us more than we can bear to endure, makes us rejoice in his presence and help, hears our prayers and leads us on the best and straightest path to God. But doing all these things unfailingly, God elicits or praise. 

To Eberhard Bethge, August 14, 1944, for Eberhard Bethge’s birthday on August 28, DBW 8, 569.

 

CONTEXT (see also the Editor‘s Introduction to the English Edition of Geffrey B. Kelly)

 

In the introduction to the "Prayerbook of the Bible", Dietrich Bonhoeffer unfolds his christocen-tric understanding of prayer that leads to Christ and comes from him. In Luther's footsteps, he understands the Psalms from the Lord's Prayer and the Lord's Prayer from the Psalms. Christus is recognized and confessed as the one word of God in the human word (see: Theo-logical Declaration of the Barmen Confession Synod of May 31, 1934, Thesis 1).

 

The exclusivity of the confession to Christ is experienced by Jews in Christian-Jewish dialogue and people who belong to another or no religion, as an appropriation or even as an exclusion. In his letter to Eberhard Bethge of April 30, 1944, Dietrich Bonhoeffer asks: "How can Christ be-come Lord of the religionless as well?"

 

It is not about excluding the “others” (this is also shown by the poem “Christians and Heathens” with the conclusion: “and forgives them both”), but rather about including them by unlocking the doors that separate us. Bonhoeffer's question is an echo of the Pauline message of overcom-ing the fence between the Jewish people and the other peoples "in Christ Jesus" (Galatians 3:28; Ephesians 2:11 ff.). The crucified one is “the peace” as the risen one. "Jesus Christ has brought all hardship, all joy, all thanks and all hope of people before God." The "Lord" being of Christ is to be understood as a dialectical-dynamic conversion ("Metanoia"): If we allow “to be pulled into walking the path that Jesus walks, … into the - messianic - suffering of God in Jesus Christ” (letter of July 18, 1944 to Eberhard Bethge), he will liberate us from the smallness of our “own needs, questions, sins, fears” and take us in the greatness of his prayer so that “God's will be done on earth, as it is in heaven”.

When Christ the “Bread of Life” (John 6:35) prays with us, the request for “our daily bread” be-comes the request for the preservation of the life of others, wherever.