So viel Widerstandskraft ! Bonhoeffer lesen in kritischen Zeiten (7) Zum 8. Mai 2020

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Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus
www.bonhoeffer-haus-berlin.de
 
Seit dem 4. Mai können kleine Gruppen bis zu 5 Personen das Bonhoeffer-Haus besuchen. Dies entspricht den staatlichen Regelungen für Museen und Gedenkstätten. Darüber hinaus halten wir das Haus „offen“ durch die wöchentlichen blogs, in denen wir für jeden Sonntag bis zum Trinitatis-Sonntag einen Bonhoeffer-Text in den historischen und aktuellen Kontext stellen unter dem Aspekt: Wie gehören politischer Widerstand  und seelische Widerstandskraft zu-sammen? Der Gedenktag am 8. Mai, 75 Jahre nach der Kapitulation und Befreiung Deutsch-lands von der NS-Tyrannei, ist ein besonderer Anlass, über den Umgang mit der begangenen Schuld in Deutschland und das Geschenk der ökumenischen Gemeinschaft nachzudenken. Alles Bemühen der Überlebenden konzentrierte sich damals darauf, so gut es ging, wieder ei-nen Weg in die ‚Normalität‘ zu finden, auch um den Preis von Erinnerung, Buße, Umkehr. Ganz von ferne ahnen wir – unter den inzwischen etwas gelockerten Begrenzungen der sozia-len Aktivitäten aufgrund der Corona-Krise - wie groß die Sehnsucht nach einer Rückkehr in den gewohnten Alltag sein kann. 
Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen 
Gottfried Brezger
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Die große Maskerade des Bösen
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TEXT A
 
Die große Maskerade des Bösen hat alle ethischen Begriffe durcheinander gewirbelt. Dass das Böse in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerech-ten erscheint, ist für den aus unserer tradierten ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend; für den Christen, der aus der Bibel lebt, ist es gerade die Bestätigung der abgründi-gen Bosheit des Bösen. 
Dietrich Bonhoeffer, Wer hält stand? Nach zehn Jahren, Jahreswende 1942/43, DBW 8, 20.
 
TEXT B
 
Dummheit [ideologische Abhängigkeit und Verblendung] ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit … Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr We-sen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, dass sie nicht [wesentlich] ein intellektueller, son-dern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind … Bei ge-nauerem Zusehen zeigt sich, dass jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen … [Der Dumme] ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen missbraucht, misshandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Missbrauches, dadurch werden Menschen für immer zu-grunde gerichtet werden können. 
Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, dass nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, dass eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nach-dem die äußere Befreiung vorangegangen ist … Das Wort der Bibel, dass die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, dass die innere Befreiung des Menschen zum verantwortli-chen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist. 
Dietrich Bonhoeffer, Von der Dummheit, Nach zehn Jahren, 1942/43, DBW 8, 26 ff.
 
 
TEXT C
 
Die Kirche bekennt, die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger, Unterdrückung, Hass, Mord, gesehen zu haben ohne ihre Stimme für sie zu erheben, ohne Wege gefunden zu haben, ihnen zu Hilfe zu eilen. Sie ist schuldig geworden am Leben der Schwächsten und Wehrlosesten Brüder Jesu Christi.
Dietrich Bonhoeffer, Schuld, Rechtfertigung, Erneuerung, Ethik-Manuskript 1940/41, DBW 6, 130.
 
KONTEXT
 
In der ersten und grundlegenden These der Barmer Theologischen Erklärung der Bekenntnis-synode von Barmen vom 29.-31. Mai 1934 wird die falsche Lehre verworfen, „als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben [Jesus Christus] als dem „einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ Dennoch scheint Dietrich Bonhoeffer der einzige zu sein, der als Theologe die psychologisch-sozialen Strukturen der Ideologie der Macht genauer, wenn auch aphoristisch, in den Blick genommen hat. Seine Einsichten, die Gedanken von Hannah Arendt ab den 50-er Jahren vorwegnehmen, entsprechen den ernüchternden Erfahrungen im Widerstand unter den Bedingungen der totalitären Herrschaft des Nationalsozialismus. Wo jede kritische Instanz - wie in der biblischen Tradition die „Furcht Gottes“ - ausgeschaltet ist, wird eine „echte innere Befreiung“ des Menschen erst möglich, „nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist.“  
 
Doch die Einsicht, dass „jede starke äußere Machtentfaltung … einen großen Teil der Mensch-heit mit Dummheit schlägt“ spricht die so ‚Geschlagenen‘, auch die Kirche, keineswegs von ihrer Schuld frei. Dietrich Bonhoeffers Sätze zum Verstummen und Versagen der Kirche ge-genüber den Verbrechen gegen das 5. Gebot gehören zum frühesten Schuldbekenntnis in der NS-Zeit. Zum Bekenntnis der Schuld gegenüber den Juden waren die Vertreter der ‚Beken-nenden Kirche‘ auch beim ‚Stuttgarter Schuldbekenntnis‘ im Oktober 1945 nicht bereit. Sie waren damit konfrontiert, dass die Kapitulation in der deutschen Gesellschaft von vielen in der Bevölkerung nicht als Befreiung sondern als ein neues ‚Geschlagensein‘ empfunden wurde. An der Stelle der Erinnerung gähnte das Verstummen. Hannah Arendt schreibt in ihrem Essay ‚Besuch in Deutschland, Die Nachwirkungen des Naziregimes, 1950: „Die Gleichgültigkeit, mit der sich die Deutschen durch die Trümmer bewegen, findet ihre genaue Entsprechung darin, dass niemand um die Toten trauert.“ Und sie berichtet vom Kursieren von „Geschichten über die Leiden der Deutschen, die gegen die Leiden der anderen aufgerechnet würden, wobei die ‚Leidensbilanz‘ stillschweigend als ausgeglichen gelte.“ (in: Zur Zeit. Politische Essays. Ham-burg 1999, S. 43–70).
 
Umso höher ist das Geschenk eines neuen Anfangs der Beziehung mit den initiativen ökume-nischen Partnern einzuschätzen. Zu ihnen gehörte George Bell, Bischof von Chichester / UK. Mit Dietrich Bonhoeffer hat ihn nicht nur das Ziel der grenzüberschreitenden „Universal Christi-an Brotherhood“ verbunden, sondern auch das Bekenntnis Dietrich Bonhoeffers bei ihrem letz-ten Treffen am 31. Mai 1942, dass mit der militärischen Niederlage Deutschlands ein Akt der Buße verbunden sein müsse: “Christians do not wish to escape repentance, or chaos if God will to bring it on us.“ (George K. Bell, Diary Notes. 13.5.-11.6.1942, DBW 16, 80 ff.)
 
Zusammen mit Willem Visser’t Hooft, dem Generalsekretär des in Bildung begriffenen Ökumeni-schen Rats der Kirchen, verfasste Dietrich Bonhoeffer bei seiner zweiten Reise für die Abwehr in die Schweiz im September 1941 in Genf eine Stellungnahme zu William Patons Friedensschrift „The Church and the New Order in Europe“ (Juli 1941): Darin schrieb er: „Es kommt darauf an, ob in Deutschland eine staatliche Ordnung verwirklicht wird, die sich den Geboten Gottes verant-wortlich weiß. Das wird sichtbar werden an der restlosen Beseitigung des NS-Systems einschließ-lich und speziell der Gestapo, an der Wiederherstellung der Hoheit des gleichen Rechtes für alle, an einer Presse, die der Wahrheit dient, an der Wiederherstellung der Freiheit der Kirche, das Wort Gottes in Gebot und Evangelium aller Welt zu predigen. Die ganze Frage ist, ob man in England und Amerika bereit sein wird, mit einer Regierung zu verhandeln, die auf dieser Grundlage steht, auch, wenn sie zunächst nicht im angelsächsischen Sinn des Wortes demokratisch aussieht. Eine solche Regierung könnte sich plötzlich bilden. Es käme viel darauf an, ob sie dann mit der soforti-gen Unterstützung der Alliierten rechnen könnte.“ (DBW 16, 540 f.). 
 
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Memorial and Place of Encounter Bonhoeffer-Haus Berlin
www.bonhoeffer-haus-berlin.de
 
So much strength to resist ! Read Bonhoeffer in critical time (7)
May 8, 2020
 
Since May 4th, small groups of up to 5 people can visit the Bonhoeffer House. This corre-sponds to the state regulations for museums and memorials.
In addition, we keep the house “open” through the weekly blogs, in which we put a Bonhoeffer text in the historical and current context for each Sunday through Trinitatis Sunday with the aspect: How do political resistance and mental strength to resist (resilience) belong together? The day of remembrance on May 8, 75 years after Germany's surrender and liberation from Nazi tyranny, is a special occasion to reflect on how to deal with the guilt committed in Germa-ny and the gift of the ecumenical community. At that time, all the efforts of the survivors con-centrated on trying to find a way back to "normalcy" as well as possible, also at the price of memory, repentance and reversing. From the far end, we suspect - under the now somewhat relaxed restrictions on social activities due to the Corona crisis - how great the longing for a return to everyday life can be.
 
With warm regards and good wishes 
Gottfried Brezger, chairman
 
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The huge masquerade of evil
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TEXT A
 
The huge masquerade of evil has thrown all ethical concepts into confusion. That evil should appear in the form of light, good deeds, historical necessity, social justice is absolutely bewil-dering for one coming from the world of ethical concepts that we have received. For the Chris-tians who live by the Bible, it is the very confirmation of the abysmal wickedness of evil. 
Dietrich Bonhoeffer, Who Stands Firm? Prolog in Letters and Papers from Prison, DBW 8, 38.
 
TEXT B
 
Stupidity is a more dangerous enemy of the good than malice … If we want to know how to get the better of stupidity, we must seek to understand its nature. This much is certain, that it is in essence not an intellectual defect but a human one. There are human beings who are of re-markably agile intellect yet stupid, and others who are intellectually quite dull yet anything but stupid … Upon closer observation it becomes apparent that every strong upsurge of power in the public sphere, be it of a political or a religious nature, infects a large part of humankind with stupidity. It would even seem that this is virtually a sociological-psychological law. The power of the one needs the stupidity of the other … [The stupid person] is under a spell, blinded, mis-used, and abused in his very being. Having thus become a mindless tool, the stupid person will also be capable of any evil and at the same time incapable of seeing, that it is evil. This is where the danger of diabolic misuse lurks, for it is this that can once and for all destroy human beings. 
Yet at this very point it becomes quite clear that only an act of liberation, not instruction, can overcome stupidity. Here we must come to terms with the fact that in most cases a general internal liberation becomes possible only when external liberation has proceeded it …The word of the Bible, that the fear of God is the beginning of wisdom declares that the internal liberation of human beings to live the responsible life before God is the only genuine way to overcome stupidity.
Dietrich Bonhoeffer, On Stupidity, Prolog in Letters and Papers from Prison, DBW 8, 43 ff.
 
 
TEXT C
 
The church confesses that it has witnessed the arbitrary use of brutal force, the suffering in body and soul of countless innocent people, that it has witnessed oppression, hatred, and mur-der without raising its voice for the victims and without finding ways of rushing to help them. It has become guilty of the lives of the weakest and most defenseless brothers and sisters of Jesus Christ. 
Dietrich Bonhoeffer, Guilt, Justification, Renewal, Ethics-Manuscript 1940/41, DBW 6, 139.
 
CONTEXT
 
In the first and fundamental thesis of the Barmen Declaration of the Synod of the Confessing Church from 29th to 31st May 1934 the false doctrine is rejected, as though the church could and would have to acknowledge as a source of its proclamation, apart from and besides this one Word of God, still other events and powers, figures and truths, as God's revelation.
 
Nevertheless, Dietrich Bonhoeffer seems to be the only one who, as a theologian, took a clos-er, view of the psychological and social structures of the ideology of power. His insights, which anticipate Hannah Arendt's thoughts from the 1950s, correspond to the sobering experiences in resistance under the conditions of the totalitarian rule of National Socialism. Where every criti-cal instance - as in the biblical tradition the "fear of God" - is eliminated, a "real inner liberation" of man only becomes possible "after the external liberation has preceded." 
 
But the insight that "every strong upsurge of power ... infects a large part of humankind with stupidity" does not in any way release the ‘infected’, including the church, from their guilt. Die-trich Bonhoeffer's sentences on the silence and failure of the church against the crimes against the fifth commandment belong to the earliest confession of guilt in the Nazi era. The represent-atives of the 'Confessing Church' were not ready to confess the guilt towards the Jews even at the 'Stuttgart Confession of Guilt' in October 1945.
 
They were faced with the fact that the unconditional surrender in German society was per-ceived by many in the population not as a liberation but as a being oppressed. The silence yawned in the place of the memory. Hannah Arendt wrote in her essay 'Visit to Germany, The Aftermath of the Nazi Regime”, 1950 about the indifference with which the Germans move through the rubble finds its exact equivalent in the fact that nobody mourns the death. And she reports on the course of stories about the suffering of Germans, which would be set off against the suffering of others, whereby the 'suffering balance' is tacitly considered balanced. (in: Zur Zeit. Politische Essays. Hamburg 1999, S. 43–70).
 
The higher the gift of a new beginning of the relationship with the initiative's ecumenical part-ners. They included George Bell, Bishop of Chichester / UK. With Dietrich Bonhoeffer, he was not only connected to the idea of the cross-border "Universal Christian Brotherhood", but also to Dietrich Bonhoeffer's confession at her last meeting on May 31, 1942, that Germany's mili-tary defeat must be linked to an act of repentance: “Christians do not wish to escape repent-ance, or chaos if God will to bring it on us." (George K. Bell, Diary Notes. 13.5.-11.6.1942, DBW 16, 300).
 
Together with Willem Visser't Hooft, the general secretary of the Ecumenical Council of Churches in formation, Dietrich Bonhoeffer wrote a statement on his second trip to Switzerland in Geneva in September 1941 on William Paton's peace letter "The Church and the New Order in Europe” (July 1941): He wrote: “What matters is whether a state order in Germany is realized that acknowledges its responsibility to the commands of God. That will become evident in the total removal of the Nazi system, including and especially the Gestapo; in the restoration of the sovereignty of equal rights for all; in a press that serves the truth; in the restoration of the free-dom of the church to proclaim the word of God in command and gospel to all the world. The entire question is whether people in England and America will be prepared to negotiate with a government that is formed on this basis even if it initially does not appear to be democratic in the Anglo-Saxon sense of the word. Such a government could establish at once. Much would de-pend on whether it could count on the immediate support of the Allies. (DBW 16, 532).