So viel Widerstandskraft ! Bonhoeffer lesen in kritischen Zeiten (4)

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Um das Erinnern und Begegnen auch in Zeiten der Schließung des Bonhoeffer-Hauses offen zu halten, stellen wir für jeden Sonntag bis zum Trinitatis-Sonntag einen Bonhoeffer-Text in den historischen und aktuellen Kontext unter dem Aspekt: Wie gehören politische und seelische Widerstandskraft zusammen? In kritischen Zeiten von Isolation und Quarantäne und der Sorge um den Verlust von Arbeit, Einkommen und Zukunftsperspektiven können wir in Dietrich Bonhoeffers Gedanken und Worten Orientierung und Ermutigung finden für unseren Geist, unsere Gedanken und unser Tun.
 
„Wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung
durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“
(1. Petr. 1,3)
 
Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen zum Sonntag Quasimodogeniti
Gottfried Brezger
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Was wissen wir von Dietrich Bonhoeffers letzter Predigt, am Sonntag Quasimodogeniti,
8. April 1945 in Schönberg?
 
 
Fast nichts.
 
 
KONTEXT & TEXT
 
Dietrich Bonhoeffer wurde am 7. Februar 1945, anders als seine Vorgesetzten Admiral Canaris und Generalmajor Oster, vom Gestapo-Gefängnis im Reichssicherheitshauptamt Berlin nicht direkt ins KZ Flossenbürg überstellt, sondern ins KZ Buchenwald gebracht. So  geriet er in den Geiselzug der SS, mit dem er – an Flossenbürg vorbei - nach  Schönberg in Oberbayern transportiert wurde. Dort wurden die knapp 100 politischen und militärischen Gefangenen („Sonderhäftlinge“) aus 17 Ländern zusammen mit 45 „Sippenhäftlingen“ aus Familien von Attentätern des 20. Juli 1944 in Schulen untergebracht und bewacht.
 
Eberhard Bethge berichtet in seiner Bonhoeffer-Biographie von 1967 unter der Überschrift „Das Ende“, Bonhoeffer sei am „Weißen Sonntag“ von Mithäftlingen gebeten worden, eine Morgenandacht zu halten. Er habe erst eingewilligt, als auch der atheistische russische Mitgefangene Kokorin sich der Bitte angeschlossen hatte. „Er las die Texte zum Sonntag Quasimodogeniti, sprach Gebete und legte seinen Kameraden die Losung des Tages aus: »Durch seine Wunden sind wir geheilt« (Jesaja 53,5) und »Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten« (1. Petrus 1,3). Er sprach von den Gedanken und Entschlüssen, welche die Gefangenschaft in allen hatte reifen lassen.“ (Bethge, 1036)
 
Mehr als die Bibelworte der Losung und des Lehrtexts und dieser eine Satz zu Bonhoeffers   Auslegung ist uns nicht bekannt. Was bedeuten ihm diese beiden für das Verständnis des christlichen Glaubens so wichtigen Worte, das  4. Gottesknechtslied mit dem stellvertretenden Leiden des Propheten und das Wort vom neuen Leben im Glauben an die Auferstehung Jesu Christi?
 
Jesaja 53 spielt eine Rolle in der Beziehung zwischen Dietrich Bonhoeffer und Eberhard Bethge. Nach über einem halben Jahr der Haft im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Tegel war es Bonhoeffer gelungen, das Vertrauen eines Wärters zu gewinnen, der Briefe an der Zensur vorbei schleuste. Ab Mitte November 1943 konnte Bonhoeffer auf diesem Weg auch die Verbindung zu seinem Freund Eberhard Bethge wieder herstellen. Am 15.12.1943 schreibt er:
 
„Ich war eben so völlig daran gewöhnt, alles mit Dir auszutauschen, dass eine so plötzliche und so lange Unterbrechung eine tiefe Umstellung und eine große Entbehrung bedeutete.
 
Nun sind wir wenigstens wieder im Gespräch und ich lese Deinen guten, warmherzigen und mir in seiner Sprache so vertrauten Brief immer wieder. Schon seit Deiner Predigt über Jesaja 53 mag ich Deine Sprache sehr gern.“  
 
Bethge hatte im 1. Finkenwalder Kurs eine Probepredigt zu Jesaja 53 gehalten. Auch Bonhoeffer hatte dazu einen Text vorgelegt und darin ausgeführt:
 
„Hier ist das Alte Testament an seiner Grenze. Funken zum Neuen Testament sichtbar … Vom Stellvertreter-Leiden eines Namenlosen … Der Glaube erkennt, das ist er, den er geschlagen hat für uns, für unsere Strafe, an der Stelle, wo wir leiden sollten. Steht, wo ich und die Menschheit stehen sollte … Wer ist der    Ungenannte? Antwort ist gegeben. Antwort ist da: im Neuen Bund, [in] Christus als dem gekreuzigten, als dem erwarteten Messias. Auf den Israel wartet.“  (Mitschrift in DBW 14, 340 ff.).
 
Gehört das stellvertretende Leiden Christi zu den „Gedanken und Entschlüssen, welche die Gefangenschaft“ in ihm „hatte reifen lassen“? Und ist dieser Gedanke geeignet, auch den Erfahrungen in der Haft einen Sinn zu verleihen? Womöglich auch bei nicht-religiösen Menschen?
 
Im Brief an Eberhard Bethge vom 21. Juli 1944, unmittelbar nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli, schreibt Bonhoeffer über seine Erkenntnis,
 
„dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen … - und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, - dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist Metanoia, und so wird man ein Mensch, ein Christ …Ich bin dankbar, dass ich das habe erkennen dürfen und ich weiß,  dass ich es nur auf dem Wege habe erkennen können, den ich nun einmal gegangen bin. Darum denke ich dankbar und friedlich an Vergangenes und Gegenwärtiges.“ (DBW 8, 542)
 
„Glauben lernen“ bedeutet für Dietrich Bonhoeffer nicht - wie im Focus traditioneller Dogmatik - Wiedergeburt und Heiligung, sondern Umkehr in die offenen Arme Gottes und dem andern ein Christ werden - dieser in seiner Ethik angelegte Gedanke ist bei ihm in der Haft „gereift“.
 
Unter dem Eindruck der Bedrohung durch das unscheinbare Virus hält der ängstliche Blick auf den Andern, der für mich zur potenziellen Bedrohung werden könnte, unsere Gedanken und Entschlüsse gefangen. Befreiung setzt voraus, dass wir fragen: Was braucht der Andere in diesen kritischen Zeiten? Und wie kann ich ihm – verantwortlich – auf erfinderische Weise begegnen? Woran hängt unser Leben? Was geht mit dieser Krise zu Ende und was kann neu beginnen für mich und für die Andern?
 
So viel Widerstandskraft können wir aus Bonhoeffers Gedanken und Entschlüssen im Widerstand lernen – auch wenn seine und unsere Bedrohungssituation so weit auseinander sind wie Tod und Leben. Unser Leben ist begrenzt, sein Leben ist unmittelbar vom Tod bedroht.
 
Als Dietrich Bonhoeffer nach der Andacht in Schönberg abgeholt wird, um ins KZ Flossenbürg gebracht zu werden, sind seine letzten Worte eine Botschaft an seinen ökumenischen Freund Bischof George Bell: „Sagen Sie ihm, dass dies für mich das Ende ist, aber auch der Anfang.“ (DBW 16, 468).
 
Christus, wahrer Mensch und Gott,
der in unser Leben kommt,
mach zur Liebe uns bereit,
so wird allzeit Gottes Zeit.
 
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Quasimodogeniti, April 19, 2020 
So much strength to resist ! Read Bonhoeffer in critical times (4)
 
In order to keep the memory and encounter open even when the Bonhoeffer House is closed, we put Bonhoeffer texts for each new week until Trinitatis Sunday in the historical and current context under the aspect: How do political and mental resistance belong together? In critical times of isolation and quarantine and worrying about the loss of work, income and future prospects, we can find orientation and encouragement for our mind, our thoughts and our actions in Dietrich Bonhoeffer's thoughts and words.
"Praise be to God, the Father of our Lord Jesus Christ! By his great mercy God has given us a new birth into a living hope through the resurrection of Jesus Christ from the dead"
(1. Peter 1:3)
 
With warm regards and good wishes for the Sunday Quasimodogeniti
Gottfried Brezger, chairman
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What do we know from Dietrich Bonhoeffer's last sermon, on Sunday Quasimodogeniti, April 8, 1945 in Schönberg?
 
 
Nearly nothing.
 
 
CONTEXT & TEXT
 
On February 7, 1945, unlike his superiors Lieutenant-General Canaris and Brigadier Oster, Dietrich Bonhoeffer was not transferred from the Gestapo prison in the Reich Security Main Office in Berlin directly to the Flossenbürg concentration camp, but was brought to the Buchenwald concentration camp. So he got on the hostage deportation of the SS, with which he was transported - past Flossenbürg - to Schönberg in Upper Bavaria. There, the almost 100 political and military prisoners ("special prisoners") from 17 countries together with 45 "clan prisoners" from families of assassins of July 20, 1944 were housed and guarded in schools.
 
Eberhard Bethge reports in his Bonhoeffer biography from 1967 under the heading “The End” that Bonhoeffer was asked by fellow inmates to hold a morning prayer on "White Sunday". He only agreed when the atheistic Russian fellow prisoner Kokorin also accepted the request. "He read the Quasimodogeniti texts on Sunday, said prayers and interpreted the watchwords of the day to his comrades: »We are healed through his wounds« (Isaiah 53: 5) and »Praise be to God, the Father of our Lord Jesus Christ! By his great mercy God has given us a new birth into a living hope through the resurrection of Jesus Christ from the dead« (1. Peter 1:3.). He spoke of the thoughts and decisions that captivity had matured in all.”
 
We do not know more than the Moravian daily watchwords on Quasimodogenity and this one sentence about Bonhoeffer's interpretation. What do these two Bible words mean to him for the understanding of the Christian faith, the 4th song of the Suffering Servant with the vicarious representative action and the word about the new life in faith in the resurrection of Jesus Christ?
 
Isaiah 53 plays a role in the relationship between Dietrich Bonhoeffer and Eberhard Bethge. After more than half a year in the detention prison of the army in Tegel, Bonhoeffer had managed to win the trust of a guard who would could smuggle his letters past the censorship. 
 
From mid-November 1943, Bonhoeffer was able to reconnect to his friend Eberhard Bethge in this way. On December 15, 1943, he wrote:
 
“For I was so utterly accustomed to sharing everything with you that such a sudden and long interruption represented a profound readjustment and a great deprivation. Now we are at least back in conversation, and I am reading your good, warmhearted letter, so familiar to me in its language, over and over again. Ever since your sermon on Isa 53, I have been very fond or your language.” (Dietrich Bonhoeffer Works, Volume 16, 486, Fortress Press, Minneapolis 2006).
 
Bethge had given a trial sermon to Isaiah 53 in the 1st Finkenwalder course. Bonhoeffer had also submitted a sermon outline on this and stated:
 
“Here the Old Testament at its limits. Glimmers of the New Testament visible … About the vicarious representative action of a nameless one … Faith see that he is the one who is struck down for us, our punishment, in the place where we ought to suffer. Stands where I and humanity ought to stand … Who is the Unnamed? Answer is given. Answer is there: in the New Covenant, in Christ as the Crucified, as the anticipated messiah. For whom Israel waits.” (Dietrich Bonhoeffer Works, Volume 14, 359 ff., Fortress Press, Minneapolis 2013).
 
Is Christ's vicarious representative suffering one of the "thoughts and decisions that captivity" had "matured" in? And is this thought suitable to also make sense of the experiences in detention? Possibly also with non-religious people?
 
In a letter to Eberhard Bethge of July 21, 1944, immediately after the coup of July 20 failed, Bonhoeffer writes about his knowledge 
 
“… that one only learns to have faith by living in the full this-worldliness of life. If one has completely renounced making something of oneself … then one throws oneself completely into the arms of God, and this is what I call this-worldliness: living fully in the midst of life’s tasks, questions, successes and failures, experiences and perplexities – then one takes seriously no longer one’s own sufferings but rather the suffering of God in the world. Then one stays awake with Christ in Gethsemane. And I think this is faith; this is Metanoia. And this is how one becomes a human being, a Christian … I am grateful that I have been allowed this insight, and I know that it is only on the path that I have finally taken that I was able to learn this. So I am thinking gratefully and with peace of mind about past as well as present things.”  (DBW, vol. 8, 218)
 
For Dietrich Bonhoeffer, "learning to believe" does not mean - as in the focus of traditional dogmatics – a new birth and sanctification, but throwing oneself in the open arms of God and the other becoming a Christian  - this ethical idea has "matured" in his imprisonment.
 
Under the impression of the threat of the inconspicuous virus, the fearful look at the other, which could become a potential threat for me, captures our thoughts and decisions. Liberation presupposes that we ask: What does the other person need in these critical times? And how can I - responsibly - meet him in a creative way? How does our life depend? What is coming to an end with this crisis and what can start again for me and for the others?
 
We can learn so much strength to resist / resilience from Bonhoeffer's thoughts and decisions in prison - even if his and our threat situation are as far apart as death and life. Our life is only limited, his life is threatened with death.
 
When Dietrich Bonhoeffer is picked up after the prayer in Schönberg to be taken to the Flossenbürg concentration camp, his last words are a message to his ecumenical friend Bishop George Bell: “Tell him that this is the end for me, but also the beginning . “ (DBW 16, 468).
 
Christ, true man and God,
who comes into our life
make us willing to your love
then God's time is all the time.