So viel Widerstandskraft ! Bonhoeffer lesen in kritischen Zeiten (2)

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Die Kontakteinschränkungen aufgrund der Corona-Krise hindern uns z. Zt. daran, das Bonhoeffer-Haus für Besuche offen zu halten. So wollen wir andere, mediale Möglichkeiten der Kommunikation schaffen. Für jede Woche neu werden wir an den kommenden Sonntagen an dieser Stelle Texte von Dietrich Bonhoeffer mit einem Bezug zu „Widerstand“ und „Widerstandskraft“ zitieren. In kritischen Zeiten von Isolation und Quarantäne und der Sorge um den Verlust von Arbeit, Einkommen und Zukunftsperspektiven können wir in Dietrich Bonhoeffers Gedanken und Worten Orientierung und Ermutigung für Geist und Seele finden.
 
Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen in der Passionszeit
 
Gottfried Brezger
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„Christen stehen bei Gott in seinen Leiden“
 
Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.
 
Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit
und Tod. Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.
 
Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod
und vergibt ihnen beiden.
 
Text:    Christen und Heiden
Dietrich Bonhoeffer, 8. Juli 1944
in: Widerstand und Ergebung,
Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 8,S. 515f.
Christian Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998
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TEXT und KONTEXT
 
„Widerstehen“ kommt von „Stehen, Bestehen und Beistehen“. In diesen Tagen hört mein inneres Ohr auf J.S.Bachs Vertonung der Strophe von Paul Gerhardt in der Matthäuspassion:
 
„Ich will hier bei dir stehen. Verachte mich doch nicht!“ 
 
Bemerkenswert scheint mir, dass Dietrich Bonhoeffer in keinem der zehn Gedichte, die er in der Haft geschrieben hat, die Beziehung zu Christus, die doch das Zentrum seiner Theologie bildet, in Worte fasst. Stimmt nicht! In „Christen und Heiden“ begegnet uns Gott in Christus.
 
In der Haftzelle, in der er keine fünf Schritte gehen kann, spricht Dietrich Bonhoeffer vom Gehen der Menschen wie in einer Prozession der Mühseligen und Beladenen durch die Jahrhunderte (1. Strophe) und von der Umkehrung: von Gottes Gehen zu den Menschen mit seinem Brot und Tod (3. Strophe). Was geschieht in der 2. Strophe?
 
Im Brief vom 18. Juli 1944 schreibt Dietrich Bonhoeffer an seinen Freund Eberhard Bethge:
 
Das Gedicht über „Christen und Heiden“ enthält einen Gedanken, den Du hier wiedererkennen wirst. „Christen stehen bei Gott in seinen Leiden“, das unterscheidet Christen von Heiden. „Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?“ fragt Jesus in Gethsemane. Das ist die Umkehrung von allem, was der religiöse Mensch von Gott erwartet. Der Mensch wird aufgerufen, das Leiden Gottes an der gottlosen Welt mitzuleiden … Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben. Das ist die Metanoia [Umkehr], nicht zuerst an die eigenen Nöte, Fragen, Sünden, Ängste denken, sοndern sich in den Weg Jesu mithineinreißen lassen, in das messianische Ereignis, dass Jesaja 53 [„Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen …“] nun erfüllt wird!
 
Zwischen dem Gott, zu dem Menschen in Ihrer Hoffnung auf seine Allmacht gehen,
 
und Gott, der kraft seiner Überwindung des Todes allen – Christen und Heiden – vergibt,
 
begegnet Gott uns in seiner Ohnmacht, „verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.“
 
Der Widerspruch zwischen Allmacht und Ohnmacht, der unseren Verstand übersteigt, findet seine Aufhebung in der Empathie Gottes. Gott widersteht dem vernichtenden Tod – dem denkbar größten Widerspruch zum Leben -, indem er ihn auf sich nimmt.
 
Die Empathie Gottes macht aus dem Gehen der Christen ein Stehen. Ein Bei-Stehen:
 
„Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.“ In ihrer Empathie lassen sie sich in Sein Leiden im Andern hineinreißen. Es ist – in der Nachfolge Jesu – „dieses Leben der Teilnahme an der Ohnmacht Gottes in der Welt.“
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Brief vom 21.8.1944 an Eberhard Bethge zu seinem Geburtstag (geb. 28.8.1909)
 
mit Bezug auf den Lehrtext für den 28.8.1944 aus 2 Kor 1,20:
 
„Alle Gottesverheißungen sind Ja in ihm und sind Amen in ihm.“
 
Heute in 8 Tagen ist dein Geburtstag. Noch einmal habe ich mir die Losungen vorgenommen und darüber etwas meditiert. Es kommt wohl alles auf das „in Ihm“ an. Alles, was wir mit Recht von Gott erwarten dürfen, ist in Jesus Christus zu finden. Was ein Gott, so wie wir ihn uns denken, alles tun müsste und könnte, damit hat der Gott Jesu Christi nichts zu tun. Wir müssen uns immer wieder sehr lange und sehr ruhig in das Leben, Sprechen, Handeln, Leiden und Sterben Jesu versenken, um zu erkennen, was Gott verheißt und was er erfüllt. Gewiss ist, dass wir immer in der Nähe und unter der Gegenwart Gottes leben dürfen und dass dieses Leben für uns ein ganz neues Leben ist; dass es für uns nicht Unmögliches mehr gibt, weil es für Gott nichts Unmögliches gibt; dass keine irdische Macht uns anrühren kann ohne Gottes Willen, und dass Gefahr und Not uns nur näher zu Gott treibt; gewiss ist, dass wir nichts zu beanspruchen haben und doch alles erbitten dürfen; gewiss ist, dass im Leiden unsre Freude, im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss ist, dass wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt. Zu all dem hat Gott in Jesus Ja und Amen gesagt. Dieses Ja und Amen ist der feste Boden, auf dem wir stehen.
 
Text:    Dietrich Bonhoeffer, in: Widerstand und Ergebung,
Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 8, 572 f.
Christian Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998
 
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Sunday 5 April 2020
 
So much strength to resist ! Read Bonhoeffer in critical times (2)
 
In Germany we have now also strong restrictions of contacts, so we had to close the Bonhoeffer House for some weeks. But Bonhoeffer's words may help us to resist mentally in this crisis and to learn from his political resistance.The following Sundays we will for each new week quote texts by Dietrich Bonhoeffer with a reference to “Widerstand” (resistance) and “Widerstandskraft” (strength to resist, resilience).
 
Especially in critical times of isolation and quarantine, the restriction of our 'physical' relationships and the worry about losing jobs and future prospects, we can find orientation and encouragement for our mind and soul in Bonhoeffer's thoughts and words.
 
Blessings in passion time for you and your family in Jesus Christ.
 
Gottfried Brezger, Chairman
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Christians stand by God in God’s own pain
 
1.    People go to God when they’re in need,    
      plead for help, pray for blessing and bread,
      for rescue from their sickness, guilt, and death.
      So do they all, all of them, Christians and heathens.
 
2.    People go to God when God’s in need,     
      find God poor, reviled, without shelter or bread,
      see God devoured by sin, weakness, and death.
      Christians stand by God in God’s own pain.
 
3.    God goes to all people in their need,          
      fills body and soul with God’s own bread,
      goes for Christians and heathens to Calvary’s death
      and forgives them both..
 
TEXT:   Poem “Christians and Heathens”
Dietrich Bonhoeffer Works, Volume 8, Letters and Papers from Prison,
Prologue, 46, Fortress Press, Minneapolis 2009.
 
TEXT and CONTEXT
 
“To resist” starts with “to stand”. In these days in Passion time my inner ear hears  J.S.Bach’s Choral setting in St. Matthew Passion of Paul Gerhardts words:  
 
“I shall stand here beside you. But do not despise me!”
 
It strikes me as remarkable Dietrich Bonhoeffer does not put into words in any of the ten poems he wrote in prison the relationship to Jesus Christ which is the center of his theology. That’s not true! In “Christians and Heathens” we meet God in Jesus Christ.
 
In his detention cell, where he cannot walk five steps, Dietrich Bonhoeffer speaks of people walking as in a procession of the laborious and laden through the centuries     (1st stanza) and of the reversal: of God’s going to people with his bread. What happens in the 2nd stanza?
 
In his letter of July 18, 1944, he wrote to his friend Eberhard Bethge:
 
The poem “Christians and Heathens” includes a thought that you will recognize here.   “Christians stand by God in god’s own pain” – that distinguishes Christians from heathens. “Could you not stay awake with me one hour?” Jesus asks in Gethsemane. That is the opposite of everything a religious person expects from God. The human being is called upon to share in God’s suffering at the hands of a godless world … It is not a religious act that makes someone a Christian, but rather sharing in God’s suffering in the worldly life. That is “Metanoia”, not thinking first of one’s own needs, questions, sins, and fears but allowing oneself to be pulled into walking the path that Jesus walks, into the messianic event, in which Isaiah 53 is now fulfilled! [“Surely he has borne our infirmities and carried our diseases”]
 
Between the God to whom people go hoping for his omnipotence (“Allmacht”) and God who, by overcoming death, forgives everyone - Christians and Heathens - we encounter God in his helplessness (“Ohnmacht”), “devoured by sin, weakness, and death”. 
 
The contradiction between omnipotence and powerlessness that goes beyond our minds is cancelled in the empathy of God. It’s the dialectic of empathy to unite helplessness and help: God resists death - the greatest contradiction to life - by taking it upon himself.
The empathy of God makes the walking of the Christian a stand. “Christians stand by God in God’s own pain.” In their empathy, they allow themselves to be drawn into His suffering in others. It is - following Jesus – “this life of participating in God’s powerlessness in the world.”
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To Eberhard Bethge, August 21.1944, a birthday letter on August 28, 1944
 
with reference to the Daily Text for August 28 from 2 Cor. 1:20:
“For in him every one of God’s promises is a Yes.”
 
A week from today is your birthday. I looked at the Daily Texts again and meditated for a while on them. I think everything depends on the words “in Him”. Everything we may with some good reason expect or beg of God is to be found in Jesus Christ. What we imagine a God could and should do – the God of Jesus Christ has nothing to do with all that. We must immerse ourselves again and again, for a long time and quite calmly, in Jesus’ life, his sayings, actions, suffering, and dying in order to recognize what God promises and fulfills. What is certain is that we may always live aware that God is near and present with us and that this life is an utterly new life for us; that there is nothing that is impossible for us anymore because there is nothing that is impossible for God; that no earthly power can touch us without God’s will, and that danger nd urgent need can only drive us closer to God. What is certain is that we have no claim, on anything but may ask for everything; what is certain is that in suffering lies hidden the source of our joy, in dying the source of our life; what is certain is that in all this we stand within a community that carries us. To all this, God has said Yes and Amen in Jesus. This Yes and Amen is the solid ground upon which we stand.
 
TEXT: Dietrich Bonhoeffer Works, Volume 8, Letters and Papers from Prison, 514 f.
Fortress Press, Minneapolis 2009.